Ingeborg Strobl: Das Tier, die Umwelt und wir | Andrea Schurian Schurian,Andrea+Schurian,

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03
Apr

Ingeborg Strobl: Das Tier, die Umwelt und wir

„Ende der Utopie”. Sagt die Eidechse und verschwindet in der Hausmauer. Der Hund schnüffelt an der Hand, die ihn füttert. Die Schnecke lugt aus dem Häuschen und genießt „das milde Gleiten des Begehrens”. Und in der Wiese schwimmen Kuhfladen als „neue Inseln im grünen Strom”.

Szenen aus dem „Photo Roman” der österreichischen Künstlerin Ingeborg Strobl, erschienen im Verlag „Schlebrügge.Editor”: Kompositionen aus Wort und Bild, überraschend, verblüffend, irritierend, berührend. Mit poetischen Texten, Gedankenfetzen, lapidaren Assoziationen und (teils kunstvoll inszenierten) Fotos von Haus- und Nutztieren, Mäusen, Käfern, Ungeziefern, Spinnen, von Misthäufen, landwirtschaftlichen Gerätschaften, Blumen, Blättern, Bodenfurchen, Feldern und Wäldern dokumentiert Strobl ihre Abenteuerreise ins Innerste des österreichischen Landlebens. Alles irgendwie bekannt und doch ganz anders. Auch das Hässliche ist in diesem Buch schön - gut so!, meint die Künstlerin. Das entspricht ihrer Wahrnehmung. Denn wirklich hässlich ist für sie nur ungerechtfertigte Gewalt: „Da bin ich extrem empfindlich. Krieg macht mich wirklich total fertig. Aggression vertrage ich ganz schlecht. Daher”, fügt sie hinzu, „ist es für mich auch so wichtig, auf welche Weise Nutztiere getötet werden, so dass es kein gewalttätiger Akt ist.” Schweineschlachten beim Bauern: das fand sie schon als kleines Mädchen höchst interessant. Und wenn sie mit ihren gleichaltrigen Cousins zum Fischen ging, löste sie die Fische selbst vom Angelhaken und tötete den Fang, schnell und möglichst schmerzlos. Und mit Respekt. „Mein Onkel war Jäger. Für mich ist dasTöten von Tieren normal: dass man Wild ausnimmt. Den Hendln den Kopf abschlägt. Ich habe keine sentimentale Beziehung zu den Tieren. Aber auch keine brutale.” Als sie heuer im Sommer in ihrem Haus am Land unter einer Mäuseplage litt, stellte sie Fallen auf und legte die toten Tiere dann ins Freie: Futter für Vögel und Katzen. Sinnvolles Sterben. Kreislauf der Natur.

Ingeborg Strobl, geboren 1949 als Lehrertochter in Schladming, zwei Geschwister, ohne Kunst aber mit viel Natur aufgewachsen. Lieblingsort ihrer Kindheit war das Haus ihrer Tante in einem kleinen südburgenländischen Dorf an der ungarischen Grenze, „wenn der Hund über diese Grenze gelaufen ist, haben ihn die Minen zerrissen”. Hier streift sie mit den Buben durch die Gegend, veranstaltet Mäusebegräbnisse, schmückt deren Gräber mit Blumen und Ästchen, sammelt ganze Schachteln voller Schneckenhäuser und ist total befriedigt, wenn die Schachteln anderntags wieder leer sind: „Ich hatte schon damals diesen Ordnungstrieb, an den ich aber gar nicht glaube, weil es dazu gehört, dass sich die Ordnung wieder selbst auflöst.” Das Tier, die Umwelt und wir: dieses Dreiecksverhältnis beschäftigt Ingeborg Strobl, aber „ich bin in dem Sinn keine Tierkünstlerin. Im Zentrum meiner Überlegungen steht der Mensch. Hundescheiße auf der Straße finde ich nebenbei bemerkt auch nicht super. Mich interessiert: Wie veträgt sich die menschliche Rasse mit der Tier- und Pflanzenwelt? Es geht da um einen Clash der Kulturen.” Bäuerin wollte sie übrigens trotz ihres großen Interesses für das Leben auf dem Lande nie werden, weil „ich weiß, wie schwer die Arbeit ist. Ich habe da keinen verklärten Blick.”

Nein, verklärt betrachtet diese Frau in der Tat so gut wie nichts. Auch nicht das Frauenbild in der Gesellschaft, das schon gar nicht. Schockierend, gnadenlos, humorvoll, ironisch, messerscharf seziert Ingeborg Strobl die Kommunikation zwischen den Geschlechtern. „Frauen verhalten sich ja oft ziemlich seltsam. Sie spielen gern das Spiel der Männer mit. Manche Frauen sind wirklich so blöd, das es fast unerträglich ist”, sagt sie. Und fügt mit Nachdruck hinzu: „Männer dürften das nicht sagen, ich als Frau schon. Wenn Frauen kritisiert werden, dann dürfen sie nur von Frauen kritisiert werden.”

Eine Theorie, die auch „Die Damen” vehement vertraten: die Künstlerinnen-Gruppe hat Ingeborg Strobl gemeinsam mit den Kolleginnen ONA B, Evelyne Egerer und Birgit Jürgenssen 1987 gegründet. Auf ihren international beachteten Rund- und Randgängen zwischen Kunst und Jux belebten „Die Damen” die Sinne (anlässlich der Verleihung des Römerquelle-Fotopreises) - und verstörten den Kunstmarkt, dessen Gesetze sie mit Leichtigkeit und Selbstironie zerpflückten. Sie installierten in der Secession ein Postamt, um den Begriff „postmodern” als leere Phrase abzustempeln („ein Wort, nach dessen Gebrauch man sich eigentlich den Mund mit Seife auswaschen müsste”-ein „Damen”-Zitat); sie baten, hausfraulich adrett zugerechtgemacht, zur Housewarming Party in vier Fertigteilhäuser in der Shopping City und sammelten bei den Partygästen für Obdachlosenheime; sie gestalteten hinreißende Kalender und persiflierten sowohl Frauenbild als auch Werbe-Klischees, stets perfekt in Szene gesetzt vom Damen-Fotografen Wolfgang Woessner. „Toll war”, erinnert sich Strobl an ihre damenhafte Vergangenheit, „dass jede spezielle Fähigkeiten hatte, die eingebracht wurden. Ich zum Beispiel war immer in Opposition. Ich war quasi das Krokodil.” Eine Rolle, die ihr zunehmend anstrengend wurde. Nicht zuletzt, weil eigene Projekte zu kurz kamen, legte Ingeborg Strobl 1993 ihren Damen-Titel ab; der New Yorker Künstler Lawrence Wiener wurde an ihrer Statt vierte Dame. Ingeborg Strobl konnte sich wieder ihrem Solo-Programm widmen. Und wurde hinter ihrer Arbeit unsichtbar. Fotos gibt es keine mehr von ihr, “wichtig ist nicht, wie ich aussehe, sondern was ich mache.”

Ob das, was sie macht, Kunst ist oder nicht, ist der Absolventin der Hochschule für angewandte Kunst in Wien und dem Royal College of Art in London übrigens herzlich egal. Hauptsache, sie kann das, was sie interessiert, umsetzen. Zweckfrei. Aber nicht ohne Absicht. „Als 68er Linke habe ich ja in meinem Hinterkopf immer noch die Idee, dasas man mit Haltung Dinge verändern kann.” Nachsatz: „Ich bin nicht kompromissbereit. Auch wenn es zu meinem Nutzen wäre.” Genau diese Haltung versucht sie jungen KollegInnen weiterzugeben: etwa an der Kunst-Uni Linz, wo sie einen Monat als Karrenzvertretung engagiert ist; da verordnet sie ihren 40 StudentInnen Kunst-Gespräche, „die sollen mit mir ein Semester lang über ihre ganz persönlichen Wünsche und Ziele reden. Das wichtigste ist ja für jeden, herauszufinden, was man selber möchte und nicht, was gerade am Kunstmarkt ‚angesagt’ ist.” Ein erprobtes Lehrkonzept: An der Wiener Universität für angewandte Kunst unterrichtete Strobl als Gastprofessorin zwei Jahre lang angehende Kunst-Erzieherinnen: „Der Musik- und Kunstunterricht an den Schulen sind ja die einzigen Gegenstände, die nicht wirtschaftlich orientiert sind; da geht es um kreative Freiräume. Ich habe versucht, meinen Studierenden beizubringen, wie großartig es ist, etwas „zweckfreies” zu machen. StudentInnen werden ja üblicherweise schnell auf den Kunstmarkt hin präpariert - Lehrer müssen sich aber auf keinem Kunstmarkt behaupten. Das gibt ihnen eine ungemeine künstlerische Freiheit.”

Angepasstheit an die Anfordernisse des Marktes kann man Ingeborg Strobl jedenfalls nicht unterstellen. Immer wieder öffentliche Ankäufe, das schon, doch abgesehen von Auszeichnungen, (Geld) Preisen und hin und wieder Einladungen zu „Kunst am Bau”-Wettbewerben sind ihre Verkaufserlöse eher mager. Geld ist für die schlanke Künstlerin mit den streichholzkurzen Haaren nicht wichtig, Konsumverweigerung eine Form von Freiheit, bescheidenes Leben keine Selbstkasteiung. Kleine Wohnung im 7. Bezirk in Wien, Klo am Gang, kein Auto, keine Werkstatt. „Ich brauche wenig für den Alltag - außer frischer Luft und Kino.” Im Kino kann man sie denn auch mehrmals pro Woche antreffen, bevorzugt im Filmmuseum, dessen Programmierung durch Alexander Horvath sie über die Maßen zu schätzen weiß. „Aber ich mag auch Kommerzfilme und da am liebsten asiatische Tschimbum-Streifen. Ich liebe alle Filme, die mich aus der Realität hinausführen, auch politisch unkorrekte Filme. Nur realistische Beziehungsdramen interessieren mich nicht.”

Das, was sie bei ihren gleichermaßen seltenen wie aufregenden Ausstellungen macht, würde man in der Musik als „sampeln” bezeichnen Objekte ihrer Sammelleidenschaft in immer wieder neue (Bedeutungs)Zusammenhänge stellen. Wenig verwunderlich, kultiviert sie auch hier ihre Sparsamkeit und achtet penibel darauf, dass die Ausstellungen nicht mit materiellen Dingen beschwert sind: „Ich glaube nicht an die Wichtigkeit des Materials”. Je unkomplizierter und leichter, umso besser. Für ihre Raum-Installation im Hauptraum der Wiener Secession (1992) borgte sie (Tier)Objekte aus dem naturhistorischen Museum aus, zur Ausstellung im Salzburger Kunstverein reiste sie 1999 mit einem Plastiksackerl, die Objekte und Fotos für ihre Installation im Kunsthaus Bregenz transportierte sie in einer Bananenschachtel. „Einige Gegenstände. Und Sonnenuntergang” nannte sie damals ihre Ausstellung lapidar.

Ingeborg Strobl thematisiert und persifliert Begriffe wie Wahrnehmung, Natur, Kreatur, MassenKonsum, Gesellschaft, Sehnsucht, Herz, Schmerz und, natürlich, Kunst. Bis auf Malerei ist ihr dazu fast jedes Mittel recht: zarte Aquarelle, Collagen, Installationen aus Objets trouvés und Spielzeugfigürchen, Ausschnittbögen, Photos, Musik, Texte und zunehmend auch Videos. Die zwei Kurzfilme „Fuxi springt”, Hauptdarsteller ist ein Hund, und einer über Ameisen hat sie soeben bei der Viennale eingereicht, zweiterer wurde fürs Festival genommen. Als nächstes geplant ist eine Video-Hommage an Vincent Gallo, den politisch unkorrekten Lieblings-Egomanen des amerikanischen Independant Films. Und auch ein konzeptueller Horrorfilm steht auf Strobls Arbeitsprogramm. Schauplatz für letzteren wird ein Dorf in einem steirischen Hochtal sein. Eine einschichtige Gegend, für die Strobl eine besondere Vorliebe hegt. Hier hat sie in den 80er Jahren ihre Sommer als Almhirtin verbracht, bis zu hundert Stück Jungvieh hat sie gehütet, ein extravanter Geldjob für eine autonome Künstlerin. Seit 15 Jahren hat sie ein Haus am Dorfrand gepachtet, für Sommermonate in der Abgeschiedenheite; im Winter kehrt sie in die Stadt zurück. Ihre Beziehung zu den Dörflern ist freundschaftlich, geprägt von gegenseitigem Respekt, wenngleich die Bauern, Förster und Holzarbeiter nicht so wirklich wissen, was „die Ingeborg” wohl so macht . In dieser Umgebung hat sie auch die Motive für ihren „Photo Roman” gefunden, der übrigens in einer Auflage von 1.500 Stück erschienen ist und den sie fast zur Gänze selbst finanziert hat: „Ich merke, dass mir das Buch das liebste Medium ist. Damit kann man zwar am wenigsten verdienen. Aber Geld ist für mich keine Motivation, etwas zu tun.”

Und schon arbeitet sie an einem „Photo Roman, Bd.2″ , ein, zwei Jahre wird es dauern, bis der Versuch über die Conditio humana in Buchform erscheinen wird. Fotografiert hat sie bereits in Kaliningrad, der russischen Enklave, umgeben von Litauen und Polen - und als Antipode dazu auch in Köln: „Ich komme jetzt direkt an den Menschen, ohne Umweg über die Tiere”, wobei, eigentlich, der Mensch auch nicht vorkommen wird, sondern seine Spuren im städtischen Raum

Die Bilder werden nicht zuordenbar sein, kein Osteuropa-Buch soll es werden, sondern eins, das von den Rändern menschlichen Lebens erzählt und davon, wie sich der Mensch durchs Leben plagt und wieviele Umwege er dabei geht. . „Mit dem neuen Buch habe ich die Schwierigkeit, dass ich niemanden denunzieren möchte. Ich möchte nicht mit dem Finger auf jemanden zeigen und ihn als Trottel darstellen.” Denn, fügt sie hinzu: „Ich habe prinzipiell die gleiche Einstellung wie die Elfriede Jelinek, die ich ungeheuer faszinierend und großartig finde. Eine tolle Frau, ich stimme jede ihrer Aussagen zum Zustand der Gesellschaft zu. Aber ich bin nicht von Hass geleitet, sondern von Güte.”



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