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Andrea Schurian

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02
Apr

Lizenz zum Töten

Vom Pech der falschen Geburt

Zum ethisch fragwürdigen Urteil des OGH, Eltern eines behinderten Kindes Schadensersatz zuzuerkennen, weil sie nicht über die drohende Behinderung ihres Kindes informiert wurden. Hätten sie es gewusst, hätten sie das Kind abgetrieben. Wrongful birth, nennt man das in Fachkreisen.

“Wirklich, Mami, ich freu mich so auf mein Geschwisterchen”, sagt das Kind und strahlt. “Aber wenn es uns nicht gefällt: Geben wir das Baby im Krankenhaus zurück? Oder werfen wir es lieber gleich in den Mistkübel?” Das Kind ist zwei, die Mutter entsetzt. Einige ausführliche Gespräche später weiß das Kind: Babys kann man nicht zurückgeben. Umtauschen. Wegschmeißen. Man darf sie nicht töten. In echt?, fragt das Kind. In echt. Sagt die Mutter. Oder?

Manche Menschen finden Baby-Töten okay. Peter Singer beispielsweise ist überzeugt, dass alle neugeborenen Babys innerhalb einer bestimmten Frist umgebracht werden dürfen, vor allem kranke und behinderte Babys. Der australische Moralphilosoph und Bioethiker hat da eine im wahrsten Sinn des Wortes “Praktische Ethik”(Reclam, 2. Auflage 1994) entwickelt. Seine Theorie in Digest-Version: Vom Lebewesen zur Person wird, wer Selbstbewusstsein hat, also sich selbst in der Zeit - und folglich auch in der Zukunft - erfassen kann und Zukunftspläne entwickelt. Neugeborene haben das nicht, also: Weg mit ihnen, zumal, wenn sie nicht den (elterlichen? gesellschaftlichen?) Erwartungen entsprechen.

Die Lizenz zum straffreien Töten begrenzt Singer mit einer einmonatigen Frist - erstaunlich willkürlich, wenn man bedenkt, dass die Fähigkeit zur Zukunftsplanung auch bei zwei Monate alten Babys nur sehr rudimentär ausgeprägt ist. Warum nicht gleich das erste Lebensjahr freigeben zum Mord - vielleicht entwickelt sich ja der anfängliche Wonneproppen mit vier Monaten zum Schreihals? Bei der nächsten Schwangerschaft wird alles wieder gut, also nur Mut, Eltern: Weg mit dem lebenswertlosen Klumpen Fleisch! Zeugt glückliche, gesunde Menschen nach Maß. Und zum gesellschaftlichen Nutzen. Klingt irgendwie zum Kotzen. Singer hat übrigens viele Anhänger.

Geben wir das Baby gleich im Krankenhaus zurück, Mami?

Ähnlich wie bei Neugeborenen argumentiert Singer auch bei geistig behinderten und sehr alten, senilen Menschen. Sie alle haben, nach Singer, keine Präferenz zu leben. Mehr noch: keine Lust zu leben. Schließlich ist nach Singer Optimierung zum Glück das Ziel alles menschlichen Handelns. Utilitarismus nennt man dieses philosophische Nützlichkeitslehre. Größtmögliches Glück für eine größtmögliche Zahl - das birgt Tücken. Bekanntlich ist ja das Glück ein Vogerl und fliegt bei Arbeitslosigkeit, Scheidung, Verlust nur allzu schnell weit, weit weg - soll diese Form von Glücklosigkeit konsequenterweise auch mit dem Tod geahndet werden? Das wäre doch eine neue Methode zur Reduzierung von Arbeitslosen (und nicht von Arbeitslosigkeit). Und überhaupt, gerät nicht jede durchschnittliche Lebensplanung dann und wann ins Stocken, kommt zum Erliegen? Überleben im Hier und Jetzt, mehr ist dann nicht drin. Wertloses, weil glückloses Leben: weg damit?

Peter Singer ist also Bioethiker, heißt so viel wie: Bio = Leben und Ethik = Lehre vom sittlichen Wollen und Handeln des Menschen in verschiedenen Lebenslagen und handelt von Normen und Maximen der Lebensführung, die sich aus der Verantwortung gegenüber anderen herleiten. Bioethik bedeutet im Wesentlichen philosophische Reflexion über den verantwortungsvollen Umgang des Menschen mit allem Leben. Auch auf die Gefahr hin, dass diese Fragen nach Eso-Kitsch, Kerzlschluckerei und Weihrauchschwaden klingen: Was bedeutet dann eigentlich “lebenswert” unter bioethischen Gesichtspunkten? Wer bestimmt, welches Leben etwas wert ist, mehr wert ist, folglich Mehrwert hat? Ist das behinderte Leben nichts wert? Handelt es sich folglich um ein wertloses Lebewesen? Ist es mithin menschlicher Abfall? Die glücksoptimerende Kosten-Nutzen-Frage ergibt das Paradoxon, dass schwer behindertes Leben nicht wertlos, sondern im Gegenteil sehr teuer ist: pflegen, betreuen, mit schmerzstillenden Medikamenten versorgen - sozusagen ein kostenintensiver Negativ-Posten im Bruttosozialprodukt. Weg damit.

Werfen wir es gleich in den Mistkübel, Mami?

In den Niederlanden ist Dr. Eduard Verhagen spezilisiert auf Neugeborenen-Euthanasie: . Nein, kein leichter Beruf, todkranke Kinder zu töten; und ja, die Fälle, die er in Interviews aufzählt, treiben einem die Tränen in die Augen, und voller Dankbarkeit schmiegt man sich an seine eigenen Kinder. Bitte auf alle Fälle lieber die Todesspritze als Verhungernlassen, besser ein schnelles Töten als Liegenlassen in einem Eck, da bin ich mit Dr. Verhagen einer Meinung. An die 650 Kinder sterben in den Niederlanden durch aktive oder passive Sterbehilfe. Schwerst behinderte Babys, sicherlich, nicht imstande, das Leben selbstständig zu planen: ein Motiv zum Töten.

Aber wer zieht wann und wo und wie die Grenze, gehören dann irgendwann auch Down-Kinder dazu, Schmetterlingskinder, intersexuelle Kinder, einfach: Kinder, die nicht der Norm entsprechen und deren Glück wir nicht verstehen können?

Dr. Verhagen zieht den Euthanasie-Bogen von Plato bis zur Gegenwart (nur die Euthanasie der Nazis passt nicht so ganz in seine philosophisch reine, rein philosophische Aufzählung). Alle Kulturen, sagt er, alle Kulturen haben lebensunwertes Leben ausgelöscht. Getötet. Es geradezu als Pflicht angesehen, die Gesellschaft von diesen behinderten Kreaturen zu “säubern”: “Menschen töten, töteten Neugeborene, seit sie Menschen sind”, sagt er. Oder, Dr. Verhagen, töten sie, obwohl sie Menschen sind?

Ärzte entscheiden über Leben und Tod. Frühchen werden mit aller medizinischer Gewalt am Leben erhalten - einerseits. Behinderte Kinder werden mit aller medizinischer Gewalt umgebracht - andererseits. Bioethik? Eltern, sagt Verhagen, würden ihn anflehen, dem Leiden ein Ende zu setzen. Dem Leiden? Oder: dem Leben?

Ich kann die Hilflosigkeit, Wut, Verzweiflung, Sprachlosigkeit, Trauer, Hoffnungslosigkeit der Eltern nur ahnen. Denn tatsächlich werden Väter und Mütter von der Gesellschaft in dieser größten Not allein gelassen: Behinderte, kranke Kinder, da sollen die Eltern bitte schön selber schauen, wie sie mit diesem Problem fertig werden. “Missgeburt”, sagen sie dazu nicht nur im Dorfwirtshaus, sondern auch in medizinischen Lehrbüchern. Und die Eltern schämen sich. Kein gesundes Kind auf die Welt gebracht - persönliches Versagen. Das kranke Kind - eine Last für die Familie. Die Familie - eine Last für die Gesellschaft.

Und ja, ich kann verstehen, dass - was? Dass Eltern sagen: Geben Sie meinem Kind die Todesspritze? Noch besser verstehen kann ich, wenn Eltern sagen: Helfen Sie meinem Baby, damit es keine Schmerzen hat. Machen Sie ihm sein kurzes Leben schmerzfrei. Lassen Sie mich bei ihm sein, geben Sie ihm Nahrung und Sauerstoff. Lassen Sie mein Kind nicht irgendwo liegen, lassen sie es nicht verhungern, verdursten. Aber doktern Sie, bitte, nicht an ihm herum. Es wird sterben - ganz ohne unser Zutun. Leben wird es nur mit unserer Hilfe. Ist das menschenunmöglich? Gar unmenschlich?

Vor 50 Jahren wäre mein herzkranker Sohn noch ein Todeskandidat gewesen (und in manchen Krankenhäusern und Weltregionen wäre er es wohl heute noch). Also gleich umbringen, ihm Leid ersparen, wenn der Tod doch sowieso sein früher Gast sein würde? Uns allen die Wartezeit aufs Sterben so kurz wie möglich machen?

“Hast du nie an Abtreibung gedacht, als du erfahren hast, dass dein Kind einen Herzfehler hat?” Oh doch, glauben Sie mir, diese Frage wird einem gestellt, manchmal ganz direkt, manchmal ein bisschen verschämter. Nein, habe ich nicht. Aber laut Auskünften der Ärzte kommen zunehmend weniger Kinder mit Herzfehlern auf die Welt. Warum wohl?

Geben wir es zurück? Oder werfen wir es gleich in den Mistkübel.

Ärzte raten einer hochschwangeren jungen Frau, ihr Kind noch knapp vor der Geburt abzutreiben: Es sei nicht überlebensfähig, weil sich die Lungen nicht ausgebildet hätten. Die Eltern entscheiden sich, das Baby auszutragen, es im Arm zu halten, solange es lebt. Das angeblich überlebensunfähige Baby ist heute ein fröhliches Schulmädchen mit Down-Syndrom und einem - mittlerweile korrigierten - Herzfehler. Die Fehldiagnose hätte dem Mädchen beinah das Leben gekostet. Ist es das, was unter “Optimierung zum Glück” zu verstehen ist?

Wir aufgeklärten, liberalen und sozialen Menschen bekämpfen Diskriminierung und Rassismus, wir fordern Gleichberechtigung für alle Menschen! Kampf der Behindertenfeindlichkeit! Da sind wir uns alle so unglaublich eins. Theoretisch. Und praktisch? Wo ist die Grenze für aktive Sterbehilfe, welche Behinderung wird mit dem Tod bestraft? Und: Wird die Todesstrafe gleich nach der Geburt verhängt oder noch knapp davor?

Zu 95 Prozent werden Kinder mit Trisomie 21 - also Down-Syndrom - abgetrieben, oft noch lange nach der Zwölf-Wochen-Frist. Wie ist das aber unter dem Antidiskriminierungsaspekt zu sehen? Um Missverständnisse auszuschließen: Nein, ich bin keine Abtreibungsgegnerin, ganz im Gegenteil. Ich befürworte die Fristenlösung. Frömmelnde Pro-life-Aktivisten, die vor Abtreibungskliniken Andachtsbildchen von drei Monate alten Föten verteilen, machen mich wütend. Ich halte Präimplantationsdiagnostik für vernünftig. Und, ja, mir ist die Widersprüchlichkeit meiner Argumentation wohl bewusst: Aber alles in mir sträubt sich gegen legale Abtreibungen bis knapp vor der Geburt, wenn der einzige Beweggrund die Behinderung des Babys ist. Herzstich im achten Monat als Akt weiblicher Selbstbestimmung? Nein. Ein Kind umbringen, weil auf dieser Welt nur Platz für gesunde, tüchtige, schöne, leistungsfähige Menschen ist? Ein unerträglicher Gedanke.

Vielleicht kennen Sie den Ausdruck “Wrongful birth”: in Kärnten haben Eltern eines behinderten Kindes auf Schadensersatz geklagt. Und, welch bitteres Wort in diesem Zusammenhang, gewonnen. Sie konnten vor Gericht glaubhaft machen, dass sie ihr Kind abgetrieben hätten, hätten sie bereits während der Schwangerschaft von den behandelnden Ärzten das Ausmaß der Behinderung erfahren. Schadensersatz für menschliches Leben. Schadensersatz für ein Kind mit Klumpfüßen und Wasserkopf: “Wrongful birth”. Wrongful life? Wie lebt es sich für dieses behinderte Kind mit Eltern, die ihm mittels Gerichtsurteil wissen lassen, seine Geburt sei ein böser Irrtum, ein Schaden.

Viele Behinderungen werden im Zuge der pränatalen Untersuchungen festgestellt. Was tun? Verzweifelte, überforderte Eltern suchen Rat bei Ärzten, wollen wissen, was die Behinderung real bedeutet. Ob das Baby geboren werden soll. Aber: “Die meisten Leute, welche die Beratung von Schwangeren durchführen, haben keinen blassen Schimmer von den Lebensdimensionen eines behinderten Kindes. Hier maßen sich Menschen an, ein Leid zu definieren, das sie nicht kennen”, sagte dazu einmal der Kinderarzt Ernst Tatzer, Leiter des Heilpädagogischen Zentrums Hinterbrühl.Ja, und über jenen Ärzten, die einen Schimmer haben, schwebt das Damoklesschwert der Klagsandrohung unter dem Titel: “Wrongful birth”.

Nun ist diese unsere Gesellschaft ja sowieso nicht gerade kinderfreundlich - es sei denn, es werden gerade die Pensionshochrechnungen für die nächsten 50 Jahre gemacht. Dann aber, bitte, sollen sie gesund sein, die lieben Kleinen. Sonst sind sie nämlich nicht lieb. Sondern nur teuer. Und liegen der Gesellschaft mit ihrer Behinderung lebenslang auf der Tasche, anstatt mit ihrer Arbeitsleistung die Pensionen zu garantieren.

In England musste ein 14-jähriges Mädchen mit Down-Syndrom sterben. Die Ärzte verweigerten eine Herz-Lungen-Transplantation, weil das Kind, so die ärztliche Argumentation, sowieso nie imstande wäre, ein selbstständiges Leben zu führen. Die Eltern wurden mit der ungeheuerlichen und menschenverachtenden Erklärung abgespeist, angesichts bestehender Organknappheit liege die Priorität bei einer gesunden Person. Down-Kinder dürfen also keine Organe empfangen. Aber, danke, danke!, nach ihrem Tod werden ihre Organspenden gerne entgegengenommen. Nichtsnutze? Lebens-Wert!

Ärzte, die ich sehr schätze, erzählen von schwerst kranken Neugeborenen; von Kindern, die nach Brandunfällen als verkohltes Stück Fleisch eingeliefert werden, nur mehr eine Frage der Zeit, bis sie sterben, in Qualen. Intensive Schmerztherapie, sodass diese Kinder nicht leiden müssen, schmerzfrei sind - wenn das schon aktive Sterbehilfe ist, dann: ja, bitte. Mit dem Garantiesiegel, dass die Grenzen nicht schwammig werden. Ich mag nicht akzeptieren, dass irgendwer über irgendjemandes Leben bestimmen darf. Weder es qualvoll mit fragwürdigen medizinischen Methoden in die Länge ziehen. Noch es vorzeitig beenden. Menschenwürde ist ein unteilbarer Wert.

Der Satz kam unvermutet und mit aller Brutalität: “Ans muass ma sagen: Unterm Hitler hätt’n de net überlebt.” Der Mann, sportliche 60, graue Haare, legte seiner Frau liebevoll den Arm um die Schultern. “De” waren geistig und körperlich behinderte junge Menschen in der Therme Oberlaa, die glücklich waren. Lachten. Spielten. Plantschten.

Ich bezweifle, dass man unverkrampft über Euthanasie diskutieren kann; auch wenn es schwere, schreckliche Fälle gibt, die aktive Sterbehilfe als einzige menschliche Alternative erscheinen lassen. Der Spiegelgrund ist immer noch sehr nah.



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