Grischka Voss: “Ich beneide andere Menschen um ihr Leben” | Andrea Schurian Schurian,Andrea+Schurian,

Andrea Schurian

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01
Mai

Grischka Voss: “Ich beneide andere Menschen um ihr Leben”

Eigentlich sei sie ja kein selbstsicherer Mensch, sagte Grischka Voss einmal: “Wenn ich nicht das Gefühl habe, dass mir die anderen mir mit Freude und Liebe zuschauen, sondern auf die Uhr, falle ich zusammen wie ein Teig, wenn man die Ofentür zu früh aufmacht.” Also begab sie sich an die Ränder der Theaterwelt. Bei einer Produktion lernte sie 1997 Ernst K. Weigel kennen, gemeinsam gründeten sie das (damals noch frei vazierende) Bernhard Ensemble, heirateten 2006, wurden Eltern von Sohn Emil, schufen in der Wiener Kirchengasse eine fixe Heimstätte für ihre Theater-Vorstellungen. Tabus? Gibt es nicht! Geschmacksgrenzen-Überschreitung? Jederzeit! Lieblingsort? Bruchstellen des Lebens. Humor ist, wenn man trotzdem immer lacht.

“KZ.Imaginaire” heißt ihr neuer Tabubruch, der am 28. Oktober im Rahmen des Wiener Musiktheaterfestivals “Netzzeit – Out of Control” Premiere hat. “Aber wir nennen es nicht Oper, damit nicht wie bei letzten Mal die falschen Kritiker hier sind und verwirrt sind.” Theaterprinzipal, Autor und Regisseur Ernst K. Weigel hat dafür kühn Molières “Der eingebildete Kranke” mit der Geschichte seines Großvaters verknüpft, der als Widerstandskämpfer das KZ Dachau überlebte; Erneste, die männliche Hauptrolle, spielt und singt Grischka Voss. Wie immer bei den beiden werden Dichtung und Wahrheit gnadenlos und bis zur lachhaften Erkenntnis miteinander vermengt. In ihrem Improvisations-Stück frei nach Fellini, “Acht.Zehn.Einhalb” etwa witzelte und wütete das Ehepaar Voss/Weigel: “Sobald G. Voss auf dem Programmzettel steht, rufen die Leute haufenweise an. Und sind dann herb enttäuscht, wenn sie bemerken, dass G. Grischka und nicht Gert Voss heißt.” Da saßen die Eltern Voss, wie bei jeder Premiere ihrer Tochter, in der ersten Reihe.


Schurian: Ihre Eltern starben innerhalb weniger Monate, bald danach standen Sie wieder auf der Bühne. Wie schafften und schaffen Sie das?

Voss: Durch das permanente Zusammenreißen konnte ich das, was im letzten Jahr passiert ist, überhaupt nicht verarbeiten. Wenn ich jetzt einmal zur Ruhe komme, merke ich, dass es mir gar nicht gut geht. Ich habe immer noch fürchterliche Albträume: Einmal zwei Wochen, einmal drei Wochen, jeden Tag, stundenlang, so viel Schmerz, so viel Leid und Verzweiflung gesehen zu haben, daran werde ich sicherlich noch lange arbeiten.


Schurian: Empfanden Sie es in allem Schmerz als tröstlich, dass Sie Ihre Eltern bis zuletzt begleiten konnten?

Voss: Das war einseits das Fürchterlichste und Traurigste, aber – so seltsam das jetzt auch klingen mag – auch das Schönste. Denn man hat noch die Chance, zu verstehen, was es heißt, zu sterben, sich von dem Menschen zu verabschieden. Einen Anruf mit der Todesnachricht zu bekommen, stelle ich mir fast noch schwieriger vor. Wenn du jemanden langsam sterben siehst, den Tod erlebst, das Sterben, den letzten Moment: Da versteht man etwas. Das geht nicht über den Verstand, es ist ein körperliches Verstehen. Ich fühlte in einem gewissen Moment, dass ich die Großzügigkeit haben muss, sie gehen zu lassen.

Schurian: Wie schwer fiel es Ihnen, dass Sie nach dem Tod der Mutter innerhalb eines Monats auch das Haus der Eltern ausräumen mussten?


Voss: Dieses täglich stundenlange Alleinsein in dem Haus war ein Abschluss. Ich wusste nicht viel über das Leben meiner Eltern, sie nicht über meines, es gab einen Respektabstand, Distanz. Und nun musste ich in ihren intimsten Sachen kramen, ich wollte, dass die Dinge, die ihnen wichtig waren, an die richtigen Orte, zu den richtigen Menschen kommen. Viele Dinge wollte ich auch nicht so genau wissen, es war schwierig für mich, dauernd das Gefühl zu haben, ich sei gezwungen, in einer Art und Weise in ihre Intimsphäre einzudringen, die sie mir sicherlich nie so offenbart hätten.

Schurian: Entdeckten Sie überraschende Facetten an Ihren Eltern?


Voss: Schon. Ich wusste, dass sich meine Eltern sehr lieb hatten. Aber dass sie sich so wahnsinnig liebten, war mir nicht klar. Meine Eltern schrieben sich bis zum Schluss permanent unglaublich schöne Liebesbriefe. Als ich die las, war ich neidisch – und zwar gleich zweifach: Warum komme ich als Tochter gar nicht vor? In die Eheringe meiner Eltern beispielsweise waren ihre Kosenamen eingegraviert und ein Datum, offensichtlich der Tag, an dem sie sich kennenlernten. Im ersten Moment habe ich mich aber verlesen und dachte, da stünde mein Geburtstag. Als ich den Irrtum bemerkte, war ich zunächst enttäuscht, wenngleich, ja, warum sollen sie mich eingravieren? Ich war da ja noch gar nicht auf der Welt. Und ich war auch als Frau neidisch : Meine Eltern waren fünfzig Jahre verheiratet, kannten sich 65 Jahre. Und trotzdem gelang es ihnen über eine so lange Zeit, eine solche Leidenschaft füreinander beizubehalten.

Schurian: Spüren Sie Ähnlichkeiten mit den Eltern?

Voss: Mein Vater und ich hatten einen sehr ähnlichen Humor. Meine Mutter war prinzipiell kein alberner Mensch, mein Vater und ich schon – wobei das bei ihm dann auch abgenommen hat. Ich bin extrem albern und ich lache einfach gern, egal worüber. Und in der Sprache sind wir einander natürlich alle drei ähnlich gewesen. Seit meine Eltern tot sind, habe ich keine Heimat mehr. Als Kind habe ich wegen unserer vielen Umzüge nirgends dazugehört; ich spreche keinen Dialekt. Jetzt wird mir das Fremdheitsgefühl extrem bewusst. Es gibt keinen Ort, wo ich sagen kann: Ja, da komme ich her. Insofern waren, bei allen Differenzen, die wir natürlich hatten, meine Eltern das Zuhause, meine Heimat. Jetzt gibt es niemanden mehr, der so ist wie ich.


Schurian: Ihr Sohn Emil?

Voss: Ja, ein bisschen. Er hat auch diese Lust am Lachen, den Humor, der mich mit meinem Vater verbunden hat. Aber er spricht ganz anders, teilweise sogar Dialekt, aber mit deutschem Akzent (lacht). Das irritiert mich.

Schurian: Mit dem Vater haben Sie den Humor geteilt. Was mit Ihrer Mutter?


Voss: Dass man Texte genau untersucht, das Analytische, da habe ich sicherlich viel von meiner Mutter integriert. Ich bin ja jetzt Gottseidank in einem Alter, wo man das auch zugeben kann (lacht). Zwischen zwanzig und vierzig ist man ja vornehmlich damit beschäftigt, sich von den Eltern abzugrenzen. Vielleicht hat das auch mit Ihrem Tod zu tun, dass mich trauen kann zu sagen: Ja, ich habe sehr viel von ihnen – Gutes und Schlechtes.

Schurian: Dem Bernhard Ensemble ist offenbar nichts peinlich, ihr stellt alles in Frage, macht euch über alles, auch über Political Correctness, lustig. Für die eigenen Lebenslügen kriegt das Publikum von euch verlässlich eines übergebraten.


Voss: Ein Tabu zu brechen, ist etwas sehr Ernstes, Ernstgenommenes – das ist an sich ja schon komisch. Und ich habe ein extrem ambivalentes Verhältnis zu diesem Gutsein. Ich versuche natürlich auch, ein guter Mensch zu sein. Aber jeder Mensch ist auch ein Arschloch oder Schwein; und ich finde es wahnsinnig verlogen, so zu tun, als würde man immer ein gutes Leben führen. Doch genau das machen so viele Menschen, das wird ja auch gleich immer auf Facebook dokumentiert, wie gut man ist. Und damit ist es schon wieder verlogen. Es ist toll, wie viele Menschen sich für die Flüchtlinge engagieren. Aber es war halt nicht nur Nächstenliebe, wenn die ihre alten Klamotten zum Westbahnhof geschleppt haben. Sondern: “Hey, super, jetzt kann ich endlich meinen Kasten entrümpeln und mich dabei noch gut fühlen.” Über solche Sachen machen wir uns gern lustig.

Schurian: Gibt es Dinge, worüber man nicht lachen darf?

Voss: Nein! Für mich ist es wichtig, über das zu lachen, worüber man nicht lachen darf. Mein Lebensziel ist, dass ich einmal über alles lache - da bin ich schon auf einem guten Weg! (lacht), überhaupt seit dem letzten Jahr. Denn ich finde, auch in der schlimmsten Katastrophe muss man auch noch die Komik sehen. Das ist die einzige Rettung, um alles ertragen zu können. Ich glaube, es gibt auch keine einzige Beerdigung, wo nicht hysterisch gelacht wird.


Schurian: Sie führen auch oft gemeinsam mit Ihrem Mann Regie. Inszenieren Sie prinzipiell gern zu zweit oder lieber allein?

Voss: Bei meinen eigenen Stücken inszeniere ich lieber allein. Ich bin eine Alleinarbeiterin, ich mache dann alles, auch die Bühne, allein. Ich bin – zumindest, wenn es um die Arbeit geht – eine Einzelgängerin. Männer neigen ja dazu, erstmal anzukündigen, wenn sie was machen: “So, ich hänge jetzt ein Bild auf”, um spätestens nach zwei Minuten zu rufen: “Kannst du mir den Hammer bringen?” (lacht) Wenn ich das mache, mach ich’s wirklich allein. Das ist bei mir sehr ausgeprägt.


Schurian: Welche Stoffe interessieren Sie, wenn Sie schreiben?

Voss: Ich verarbeite immer meine Lebensthemen, beleuchte sie von möglichst vielen Seiten, recherchiere und lese viel dazu. Und ich mache gern Interviews zu dem jeweiligen Thema. Ich erfinde viel, aber im Grunde arbeite ich mit Realität. Es gibt nichts Spannenderes als das, was ein Mensch erlebt, wie er mit den Erlebnissen umgeht, wie er Niederschläge wegsteckt. Der Mensch an sich ist für mich das Aufregendste. Mein nächstes Thema wäre der Neid, er spielt in meinem Leben eine große Rolle. Ich habe ja schon gesagt, sogar meinen Eltern war ich neidisch. Ich ertappe mich oft dabei, dass ich Menschen um ihre Leben zutiefst beneide. Aber zunächst möchte ich mir das Sterben, was ich alles erlebt und gesehen habe, von der Seele schreiben – in welcher Form, ob als Stück oder als Buch, weiß ich noch nicht.



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