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Andrea Schurian

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18
Aug

Herzens-Angelegenheiten III

Antwort auf die Replik “Keine Sorge, Frau Schurian!”, von Paul Simon und Günther Laufer

Schade, eigentlich. Da genehmigen sich zwei Kinderherzchirurgen mei nen Spectrum-Artikel zum Sonntagsfrühstück - und Ihre wahrlich dürftige Erkenntnis nach der Lektüre beschränkt sich darauf, dass ich ein herzkrankes Kind habe. Tja. Wichtige Männer brauchen Ruhephasen, und die können sie natürlich nicht damit vertun, einen Text vom Anfang bis zum Ende zu lesen, geschweige denn, sich mit dem Inhalt auch auseinanderzusetzen. Zugegeben, Geschichten über Kinder, die nach Herzoperationen schwer gehirngeschädigt nach Hause entlassen werden, schlagen sich auf den Magen, zumal auf den wochenendlich entspannten.

Und so lese ich also Ihren Artikel von Anfang bis zum Ende, frage mich, was Ihr Text eigentlich mit meinem zu tun hat (nichts nämlich) - und bin im Übrigen besorgter denn je über den Zustand der Kinderherzchirurgie. Wenn Sie alles so unbekümmert handhaben wie Fakten, Zahlen und Zitate, dann schaut’s ja wirklich finster aus. “Vergessen wird, dass komplizierte Operationen im 21. Jahrhundert nicht unbedingt eine höhere Sterblichkeit bedeuten”, schreiben Sie. Wie wahr! Und weiter: “Sie zitieren für das Hypoplastische Linksherz, das derzeit nur in Linz operiert wird, eine Sterblichkeit von 30 bis 40 Prozent.” Wen zitieren Sie da eigentlich? Mich? Ich habe nie Zahlen genannt, was ich hiermit nachhole: Ehe in Linz im Jahr 1997 das erste Mal ein Hypoplastisches Linksherz - erfolgreich! - operiert wurde, waren österreichische Kinder mit diesem sehr komplexen Herzfehler dem Tod geweiht oder mussten im Ausland operiert werden. In Innsbruck und Wien wird das hypoplastische Linksherz gar nicht operiert.

Seither liegt das Linzer Kinderherz-Team bei der Korrektur dieser schweren Missbildung im europäischen Spitzenfeld. In Zahlen (für jeden nachprüfbar auf der Homepage der Linzer Kinderherzen www.kinderherzzentrum.at): Seit 2003 wurden bis zum heutigen Tag in Linz 49 Kinder mit Hypoplastischem Linksherz nach Norwood operiert, nur vier starben, die Mortalitätsrate liegt wie an den internationalen Herzzentren unter 10 Prozent. An den kompetenzvernetzten Uni-Kliniken wurden in vier Jahren 20 Kinder mit einer Transposition der Großen Gefäße operiert. Gut so. In Linz waren es allein im vergangenen Jahr 25 Kinder - Mortalität: null Prozent. Sie argwöhnen in Ihrem Artikel, dass es in der Diskussion nicht um Qualitätsverbesserung geht, sondern bloß darum, die “Werbetrommel” für Linz zu rühren. Seltsam. Handelt es sich bei Kinderherzchirurgie eigentlich um Spitzenmedizin oder um ein Reinwaschmittel?

Nein, meine Herren. Ich halte die Kompetenzvernetzung übrigens nicht für eine österreichische Schein-, sondern schlicht für die teuerste und keineswegs effizienteste Lösung. Am Linzer Kinderherzzentrum werden in etwa so viele Operationen durchgeführt wie an den drei Medizin-Unis zusammen, darunter signifikant mehr High-risk-Operationen als an den anderen Zentren. In Linz sind fünf KardiologInnen und drei ChirurgInnen tätig, in Wien, Innsbruck und Graz insgesamt 18 KardiologInnen und zumindest sechs Kinderchirurgen. Und die fliegen jetzt kompetenzvernetzt hin und her? Wenn es denn zum Wohle der Kinder wäre.

Sie stellen richtigerweise fest, dass ein unbedeutendes Loch im Herzen nicht frühkorrigiert werden muss, weil es sich eventuell sogar selbst verschließt. Klar. Aber komplexe Herzfehler zeichnen sich bekanntlich nicht durch Spontanheilungen aus.

“Wir können uns nicht erinnern, dass wir Kinder warten lassen, bis es ihnen so richtig schlecht geht”, schreiben Sie. Und weiter: “Nicht früher ist besser, besser ist besser!” Liest sich richtig gut. In der Praxis klingt es dann halt anders. Nämlich so: “Bei der Chirurgenbesprechung wurde lange überlegt, was man machen kann: Dabei kamen die Kardiologen und Chirurgen auf folgende Vorgangsweise: Als erstes sollen wir abwarten, bis es A. schlechter geht . . .” (Den ausführlichen Bericht inkl. einiger “Fehleinschätzungen” der Wiener Kinderkardiologie können Sie übrigens unter www.gruppe-kinderherz.at/berichte nachlesen.)

Ihr Unterton ist, sagen wir, ironisch, wenn Sie von “selbst ernannten Spezialisten” schreiben, die noch nie bei einer Herzoperation im OP-Saal gestanden wären. Eine zugegeben interessante Variante für künftige kritische Diskussionen: Nur mehr Künstler dürfen sich fortan über Kunst äußern, Regisseure übers Theater, nur Bäcker die Qualität der Semmeln bewerten. Kinderärzte gefälligst schweigsam zu-, nein, natürlich: wegschauen und sich tunlichst auf Impfpässe und Halsentzündungen konzentrieren, ansonsten wird geklagt. Ja, und PatientInnen und Patienten-Eltern bitte schön in demutsvoller Haltung vor den mächtigen Medizinmännern verharren und im Übrigen den Mund halten. Wir tun Ihr Bestes. Dankeschön.

Nein, verehrte Herren Chirurgen, es geht mitnichten um mein persönliches Missbehagen; sondern, falls Sie den Artikel denn wirklich gelesen hätten, um den Umgang mit Fehlern, um den Umgang mit der Wahrheit. Um kompetente und menschliche Medizin. Ich nehme an, Sie hatten, vielleicht weil der Frühstückskaffee schon ausgekühlt war, keine Lust mehr, auch den letzten Absatz meines Artikels zu lesen. Ich will ihn gern wiederholen, weil er mir wirklich wichtig ist: Natürlich sind nicht nur in Linz, sondern auch an den Universitätskliniken in Wien, Graz und Innsbruck viele herzkranke Kinder gerettet, gut operiert und versorgt worden. Kritische Analyse ist nämlich nicht Wettbewerbsverzerrung, sondern einzige Chance, das Gute besser zu machen.



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