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Andrea Schurian

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20
Nov

Ausweitung der automobilen Kampfzone


Wir wissen jetzt also: Zumindest der Verkehrsminister arbeitet. Noch. Und zwar mit Vollgas.
a sicher können Sie mich fragen, ob ich keine anderen Sorgen habe in diesen Tagen: Da schweigen sich Vieraugen, Sechsaugen und Vieraugen-Untergruppen ausgiebig an, anstatt eine Koalition zu bilden - und ich beschäftige mich mit einem derartigen Orchideenthema. Aber dann frage ich zurück, ob der Verkehrsminister nicht auch andere Sorgen haben sollte in diesen seinen letzten Regierungstagen.

Wobei, auch wieder wahr, was sind schon Verkehrstote, Klimawandel, Umweltkatastrophen, Treibhauseffekt gegen die innenpolitische Eiszeit. Vielleicht war ihm ja auch nur fad, und er hat die Warterei auf das Ende seiner Ministerzeit mit Amtshandeln verkürzt. Die Folge: Endlich darf wieder ordentlich angegast werden - zumindest auf der Kärntner Rennstrecke Spittal-Paternion und retour.

160 km/h muss schließlich auch bei Regen, Nebel, Schnee, Glatteis und schlechter Sicht ausprobiert werden. Vermutungen, dass Rasen sowieso immer lebensgefährlich ist, vor allem aber bei schlechten Witterungsverhältnissen, müssen erst einmal bewiesen werden. Indizien wie etwa die, dass es heuer im September 20 Verkehrstote mehr gab wegen überhöhter Geschwindigkeit als im September des Vorjahrs, genügen dem Minister offenbar nicht.

Wir wissen jetzt also: Zumindest der Verkehrsminister arbeitet. Noch. Mit Vollgas. Tempo! Tempo! ist auch bei den Untersuchungsausschüssen angesagt. Dafür Vollbremsung bei den Koalitionsverhandlungen. Dieser Stillstand hat leider auch Auswirkungen auf die Tempo-Debatte: Es meldet sich niemand zu Wort. Kein Regierungskollege. Kein Koalitionsverhandler. Kein Oppositionspolitiker. Der erste Probegalopp auf der Kärntner Autobahn vorm Sommer war noch von lustigen Bekenntnissen begleitet, sogar der Kanzler brach sein viel gerühmtes Schweigen und gestand, hin und wieder die erlaubte Höchstgeschwindigkeit überschritten zu haben. Ja wenn’s denn so ist. Hoch der Mut!

Stellen wir uns vor, ein Spitzenpolitiker gibt zu, dass er ab und zu, nur als Beispiel, einen Joint geraucht, eine Linie Koks gezogen oder einen LSD-Trip eingeworfen hat; und als Konsequenz dieser Beichte werden die Drogengesetze gelockert. Unvorstellbar? Richtig. Also, die Geschichte geht natürlich so: Ein paar führende Politiker outen sich als Temposünder und flugs wird - nein, nicht darüber diskutiert, dass es eigentlich ein Skandal ist, wenn Politiker kokett Gesetze brechen. Sondern es wird um viel, um sehr viel Geld nun bereits zum zweiten Mal getestet, ob man das Gesetz nicht ändern könnte. Ja, eh: Völlig aus der Luft gegriffen, kein verantwortungsvoller Politiker würde Menschenleben aufs Spiel setzen und die Ausweitung der automobilen Kampfzone auf 160 km/h befürworten, nur um Gesetze den eigenen Geschwindigkeitsräuschen anzupassen.

Apropos Kampfzone und Räusche: Es schaut auch ganz sicher kein Politiker zu, wenn seine Bodyguards jemand anderen krankenhausreif prügeln; und wenn doch, beklagt er sich gewiss nicht über mediale Vorverurteilung. Zumal er selbst recht unzimperlich vorverurteilt: beispielsweise AsylwerberInnen und ImmigrantInnen als Sozialschmarotzer. Weshalb er sie gleich bus- und flugzeugweise außer Landes schaffen will.

So besehen wollte der noch amtierende Verkehrsminister vielleicht noch im letzten Regierungsmoment seinem orangen Parteichef zur Hand gehen. Denn billiger und effizienter als das Deportieren wäre allemal das erlaubte Tempobolzen: 160km/h auf der Autobahn als Pflichtgeschwindigkeit für AsylwerberInnen, MigrantInnen, AusländerInnen, denen man ihre Herkunft ansieht, sowie für SeniorInnen, denen man ihre Herkunft nicht anzusehen braucht (letzteres ein kreativer Beitrag zur Pensionsdebatte).

Da wir schon bei der natürlichen Bevölkerungsauslese sind: Weil sich eh immer mehr Fußgänger nicht drum scheren, ob die Ampel grün oder rot ist und über die Kreuzung latschen, wann immer es ihnen passt, also: immer!, könnte man die Ampeln ja auch genau so gut abschaffen. Eltern mit Kinderwagen sollen - sie chauffieren immerhin ein vierrädriges Fahrzeug - runter vom Gehsteig: Überlebenstraining von klein auf ist die Devise! Fahrradwege zwischen Parkspur und Fahrbahn könnten durchaus als Modell für aktive Sterbehilfe dienen. Nur die Fitten kommen durch. Die Langsamen sollen zu Hause bleiben. Speed kills. Oder so ähnlich.



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