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04
Apr

Kärnten im März 2008: Bedenkenlos unbedacht

Vermutlich ist es wie bei uns in Wien mit dem Schnee. Dass es im Winter schneit, erstaunt uns jedesmal, folglich keine Winterreifen, keine Schneeräumung. Stau. Ähnlich überraschend dürfte heuer in Kärnten der März gefallen sein, überrumpelt vom Gregorianischen Kalender und weil in der Eile wohl keine passenden Worte zu finden waren, hat das offizielle Kärnten also den HeilHitlerJubelMonat März 1938 unbedacht und bedenkenlos vorübergehen lassen. Auch eine Möglichkeit. In der großen Eingangshalle am Wiener Westbahnhof sitzt seit dem 14. März 2008 ein kleiner Bub auf einem Koffer.

Er ist dorthin zurückgekehrt, wo er vor siebzig Jahren das Land verlassen musste, bei Nacht und Nebel, allein, ohne Eltern, voller Angst, in eine ungewisse Zukunft. „Für das Kind” heißt die Bronzeskulptur der aus Venezuela stammenden Künstlerin Flor Kent: ein berührendes Mahnmal für die Kindertransporte der Jahre 1938/39. Innerhalb von wenigen Monaten wurden damals von mutigen Menschen, die nicht wegschauen, sondern helfen wollten, 100 Fluchtzüge organisiert, um 100.000 - zumeist jüdische - Kinder rechtzeitig nach Großbritannien in Sicherzeit zu bringen. Manche waren nicht älter als vier, fünf Jahre, älter als 17 durften sie jedenfalls nicht sein, in der Hand hielten sie alle ein kleines Köfferchen, dessen Inhalt genau vorgeschrieben war: kein Schmuck. Keine Wertgegenstände. Kein Geld. Keine Musikinstrumente. Höchstens ein Foto, eine Puppe, eine warme Weste, ein Märchenbuch, letzte Erinnerungen an die Eltern, die viele von ihnen nie mehr wiedersehen sollten, weil sie in den Gaskammern umgebracht wurden. An diese Kinder wird uns der kleine bronzene Bub am Westbahnhof künftig erinnern und auch daran, dass weitaus mehr, nämlich fast zwei Millionen Kinder, von den Nazis umgebracht wurden; an all die mutigen Menschen, die nicht weggeschaut, sondern bei dieser Rettungsaktion mitgeholfen haben; daran, dass für jedes Kind eine Garantiesumme von 50 Pfund (das sind heute etwa 1.600 Euro) hinterlegt werden musste, weil dieses Hilfswerk keine staatlichen Mittel beanspruchen durfte; der Knabe erinnert an die Eltern, die in Inseraten verzweifelt nach Gastfamilien für ihre Kinder suchten und die selber nicht mitkommen durften, weil die britische Regierung Engässe am Arbeitsmarkt und zusätzliche Belastungen der Staatsfinanzen befürchtete. Was uns wiederum zu denken geben sollte, wie wir mit Asylsuchenden umgehen.

Übrigens: der erste Kindertransport verließ Wien am 1. Dezember 1938. Acht Monate noch bis zum 70. Jahrestag. Vielleicht findet das offizielle Kärnten bis dahin ja auch sein Gedächtnis wieder.



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