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Andrea Schurian

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06
Apr

Samoa: Freu dich, Fremder

Fröhlich quiekend flitzt das Schweinchen über die Wiese, ein glückliches Haustier, fast so zahm wie der weiß gesprenkelte Hund, aber nur halb so bissig. Nein, es hegt keinen Verdacht, dass schon frühmorgens dicke Holzscheite auf den Umu, den Erdofen unter freiem Himmel, geschichtet werden; dass Kokosnüsse geköpft, Zwiebel geschält und Fische auf Bananenblättern drapiert werden. Nein. All das registriert unser glückliches Hausschwein nicht. Es beoachtet lieber das Huhn, das zielgenau in die Schüssel voll süßer, weißer Creme aus Kokosnussraspeln flattert. Tuni, der Bauer, scheucht das Federvieh weg, schürzt seinen braun gemusterten Lavalava, den Unisex-Wickelrock der Samoaner, ehe - ja, ehe er sich der heutigen Hauptspeise zuwendet. Mit flinkem Griff packt er das Schweinchen, wirft es auf den Rücken, Brett auf die Gurgel, Fuß drauf - und: Ende der Vorführung.

Natürlich werde ich nie auch nur ein winziges Häppchen von diesem Schweinebraten à la Samoa kosten, schwöre ich, als es eine halbe Stunde später, gefüllt mit heißen Steinen und Gewürzblättern vom Laufuafua-Baum, auf dem Umu brutzelt. Nie? Welch Meineid! Und das ausgerechnet am Muttertag, einem ziemlich heiligen Tag auf den westsamoanischen Inseln, mit ausgiebigen Kirchgängen, frommen Gesängen, innigen Gebeten - und üppigen Feiertagsspeisen. Wie kulinarische Rufzeichen steigen Rauchsäulen von den Umus in den Himmel auf.

Im Schneidersitz nehme ich neben Tunis Vater Platz: Der weißhaarige Alte ist Matai, Häuptling einer Großfamilie und von hohem Rang in der Gesellschaftsordnung. Vor uns türmen sich auf Bananenblättern Brotfrüchte, gebratene Bananen, köstliche Palusami (mit Kokoscreme gefüllte Taamublätter, die wiederum mit Bananen- und Brotfruchtblättern ummantelt sind), kleine Fische, Pisupo (das heißgeliebte Büchsen-Corned-Beef ist, rein lautsprachlich, Relikt aus der Missionszeit, als die weißen Männer Bean-Soup-Dosen als Proviant mitbrachten).

Sonntägliche Leckerbissen

Und natürlich das Ferkel, das liegt auch da, knusprig und goldbraun. Die weisen Augen des Matai ruhen auf mir: „Iss”, nickt er und schiebt seinerseits schweigend und hungrig Fleisch und Gemüse mit den Fingern in den Mund. Knochen und Haut, Essensreste, Fischgräten und leere Bananenblätter schmeißt er hinaus auf die Wiese: sonntägliche Leckerbissen für Hunde, Hühner und Schweine, die um die nach allen Seiten offene, palmstrohgedeckte Hütte - das samoanische Fale - streifen.

Gottseidank hatte mich Sia, die Tochter des Matai, über passende Gastgeschenke - Hühnerkeulen, Pisupo, Keks - sowie über die patriachalischen Benimmregeln aufgeklärt: Zuerst essen der Matai und seine Ehrengäste, dann die Söhne und Schwiegersöhne, nach ihnen die Frauen, und was übrigbleibt, kriegen die Kinder. Untertags miniberockte Rezeptionistin im Beachhotel, abends züchtige Häuptlingstochter: Sia leidet an einer unter samoanischen Jugendlichen heftig und häufig grassierenden Persönlichkeitsspaltung. Eine hohe Selbstmordrate der Teens und Twens gehört zu den wenigen und gern verschwiegenen Schattenseiten der Sonneninseln.

Abgesehen davon herrschen auf den vier bewohnten (Upolu, Savai‘i, Apolima und Manono) und fünf unbewohnten Naturschönheiten im Südpazifik wahrlich paradiesische Zustände: unberührte, gleißend weiße Strände, urwaldverwucherte Vulkanketten, Süßwasserpools, die von mächtigen Wasserfällen gespeist werden; die Sliding Rocks als Naturrutschbahn am Papase‘ea-Fluss; und immer wieder, wie genial hingekleckste Farbkompositionen, Dörfer von archaischer Anmut und Kirchen in fast schon beängstigender Menge, allein auf der 35 Kilometer kurzen Strecke vom Flughafen in die Hauptstadt Apia stehen 36 Gotteshäuser.

Wehmütiger Südseezauber

Kurz geschorener Rasen, der jedem Golfplatz zur Ehre gereichte, opulente Familiengrabstätten vor den farbenfrohen Fales, den offenen Hütten der Samoaner. „Hinter die Fassaden blicken” bekommt hier eine ganz neue Bedeutung. Gemütlichkeit, perfektioniert zur hohen Kunst des Faulenzens, das ist nur ein Aspekt der Fa‘a Samoa. Weitere Grundpfeiler samoanischen Alltags sind Tradition, strenge Hierarchien, jahrhundertealte Sitten und Gesetze, mündlich überlieferte Mythologien, Familienzusammenhalt und, seit den missionarischen Erfolgen der Papalagi, der weißen Himmelsdurchbrecher, auch der christliche Glauben. Um all das zu entdecken, gibt es ein Zauberwort: „Sootaga”, Begegnung mit Menschen. Die alte Reiseweisheit - meide Hauptstädte, denn sie duften nicht im typischen Landesaroma, sind laut, hektisch und dreckig - trifft auf Apia nur bedingt zu. An der Nordküste der Hauptinsel Upolu gelegen, ist das 35.000-Seelen-Städtchen ein charmant zusammengestricktes Konglomerat aus Pazifikmetropole und Dorfidylle. Glücklicherweise lässt sich fast alles unter „auf der Spur samoanischer Alltagskultur und kolonialer Geschichte” einordnen.

Die Bar an der Beach Road zum Beispiel: In der Luft ein wehmütiger Südseezauber, der schon Somerset Maugham inspiriert hat, vor mir das köstliche, schaumgekrönte Erbe deutscher Kolonialherren: Samoa-Lager. Nach ein paar Kostpröbchen vermelde ich auf dem Rund-um-die-Uhr-Telefon-Amt froh eine Überlebensbotschaft nach Europa, identifiziere anschließend eine windschiefe Holzhütte als Radiostation, ein typisches, aber ungewöhnlich großes offenes Fale als Gerichtshof und einen besonders hässlichen Betonklotz als Regierungsgebäude. Den Clausens und Lobers auf dem verwilderten, deutschen Friedhof statte ich einen Anstandsbesuch ab, bringe mich mit einem Sprung aus der Zielgeraden eines bunt bemalten Autobusses und lande, endlich, in einem erstaunlichen Potpourri an Farben und Formen, Gerüchen und Geräuschen: am Markt.

Träge Nachmittagshitze am Maketi Fou. Einige Standler schlafen neben ihren aufgehäuften Schätzen, als Kopfkissen ein Arrangement aus Kokosnüssen und Taaroknollen. Kinder wieseln zwischen Gemüsebergen und Kornsäcken herum, Mütter scheuchen Moskitos von den Näschen ihrer Babys, die mit großen Kulleraugen dem bunten Wirrwarr zuschauen. Männer schlürfen an den Imbissbuden überzuckerten Kofe, Kaffee, oder Koko, Kakao. Ein Hund pinkelt gegen ein Ananashügelchen, und ich versorge mich (am Nachbarstand) mit Papayas und süßen, kleinen Bananen als Proviant für den nächsten Wandertag zum Grab des schottischen Romanciers Robert Louis Stevenson.

Der Tusitala, der Geschichtenerzähler, hatte mit Upolu vor 100 Jahren seine ganz persönliche „Schatzinsel” entdeckt und residierte bis zum Tod am 3. Dezember 1894 in einer herrlichen Villa bei Apia. Posthum verordnete er den Einheimischen einen ordentlichen Gewaltmarsch: Auf dem Gipfel des Mount Vaea wollte er begraben werden, der Stille und der hübschen Aussicht wegen. Und so schnaufen wir durch den naturgeschützten Wald einen steilen, vom Regen glitschigen Steig hinauf, hanteln uns an Lianen von Wurzelstock zu Wurzelstock. Die Mühe lohnt sich, der Blick auf Apias Bucht ist atemberaubend schön. Die Lagune ist mit glitzerndem Silberpapier ausgelegt.

Ein Bad und zwei Stunden später gondeln wir mit Fasitau, unserem samoanischen Freund und Guide, auf der Küstenstraße in den Osten. Mein ambitioniertes Reiseziel „Gast werden, nicht fremd bleiben” ersetze ich kurzfristig durch Landschaftsbetrachtungen der besonderen Güte. Palmenkarawanen schneiden grüne Schneisen in den Horizont; am Süßwasserpool der theologischen Fakultät von Piula hält die Zeit für einen Augenblick den Atem an: Im täuschend echten österreichischen Alpenpanorama auf dem LeMofa-Pass wirken nur die Kokospalmen deplaziert, so als hätten sich Föhren und Tannen ein Faschingskostüm angelegt.

Enge Kurven hinunter ins Tal, über holprige, geländerlose Brücken führt der Weg, schwebt geradewegs in champagnerblaues Meer. Und dort in Amaila, am östlichsten Zipfel von Upolu, spähen wir übers Meer. Bei Schönwetter, sagt Fasitau, könne man bis American Samoa sehen. Aber ein jäher Regenguss versaut den Blick. Vor einem einschichtigen Anwesen abseits der Cross Island Road hält Fasitau: „Sootaga”, sagt er verheißungsvoll. Begegnung zwischen Einheimischen und Fremden! Das Schlimms-te ist die schwüle Luft aus Angstschweiß, Zigarettenrauch und Tropenregen. Hunderte Moskitos haben sich bereits unsterblich in meinen frischen Autan-Geruch verliebt, während ich im Schlaf-Fale die Wartezeit mit Raumstudien überbrücke: ein Marienbild in Hellblau, ein froschgrüner Plastikbodenbelag, ein Katzenkalender mit integrierter Uhr, ein Riesenhochzeitsfoto sowie zu bedenklich schwankenden Bettentürmen aufgeschichtete Matratzen. Vor mir, aufgebahrt auf einer Kokosmatte, ein Jüngling, das schöne Gesicht grau vor Schmerz, der Körper mit schwärenden Wunden und schwarzen Krusten übersät. Keinen Mucks macht er, als Meister Sua Teli mit winzigen Hämmerchen und Harken aus Schweinezähnen und Knochen Muster aus Kürzeln und Zeichen in das Fleisch des Jungen treibt, bis er aussieht, als habe er einen flott gemusterten Catsuit an.

Pe‘a - die Kunst des Tatauierens - ist, so erzählt Fasitau, samoanisches Kulturerbe und Mutprobe gleichermaßen. Denn wer die wochenlange Marter vorzeitig abbricht, wird im Dorf als Feigling verspottet. Wer aber durchhält, wird mit einem deftigen Familienfest geehrt. FiaFia!

Meine Herrschaften! Das ist ein emotionaler Ausnahmezustand voll südlicher Glut. Zumal es diesmal gleich vier Männer und zwei Frauen aus der Verwandtschaft bis ins Finale geschafft haben. Da fließt das Bier! Da strömen Freudentränen! Da dröhnen samoanische Schnulzen und heiße Rhythmen aus riesigen Lautsprecher-Boxen! Nach jahrhundertealten Choreografien, voll anmutiger Grazie und wilder Lebenslust, erzählen Männer und Frauen mit ihren Tänzen Kulturgeschichte und Alltagsgeschichterln. Sogar die Großmama wagt, blumenbekränzt, ein paar flotte Schritte. Nur kurz kommt der tropisch hitzige Hexensabbat zum Stillstand: Dann nämlich, wenn der Pas-tor die frisch Tätowierten segnet, rohe Eier auf den Köpfen seiner malträtierten Kunden verschmiert, um böse Geister fernzuhalten, und die versammelte Festgemeinschaft im Chor schluchzt. „Pe‘a kann tödlich enden. Wir beten alle, dass niemand an Blutvergiftung oder Hepatitis stirbt”, sagt Fasitau.

Wellenspiel

Auf und ab und ab und auf schwankt am nächsten Morgen die Landschaft vor meinen Augen, hopsen Gebirgskegelchen ins Blickfeld und wieder hinaus - keine Nachwehen der Fia Fia, sondern unruhige See auf der Überfahrt nach Savai‘i, Upolus größerer Schwester. 470 Vulkane drängeln sich im unbewohnten Inneren der Insel.

„Savioi! Savioi! Komm! Welle, komm!”, schreien die Buben, aufgeregt hüpfen sie von einem Bein aufs andere und werfen Kokosnussschalen in die Felskrater. Und dann kommt sie, die Welle, schießt zischend und knatternd wie Höllenfeuer durch das enge Blasloch, die Nussschalen meterhoch gegen den blaublitzenden Himmel wirbelnd. Und wie süßer, dicker Rahm fließt das Wasser über die Felsen zurück in den aufgebauschten Ozean. Ein Regenbogen verharrt zitternd in der Luft.

„Savioi! Savioi!”, immer wieder kreischen die Buben den Zauberspruch hinaus aufs Meer, schubsend und kichernd gruppieren sie sich für ein Gruppenfoto gefährlich nah an die Felslöcher. Der ungemütlichen Fragerei, ob sie denn vormittags nicht in der Schule sein müssten, entkommen die drei kleinen Abenteurer geschickt: Flink klettern sie auf die nächstbeste Palme, pflücken uns Kokosnüsse als Durstlöscher.

Warren, gebürtiger Australier, Ex-Erdölgeologe und begeisterter Neo-Samoaner, zückt das Geldbörsel: „Es ist böse Schnorrerei vieler Touristen, wenn sie glauben, dass sie hier alles gratis kriegen und dann zu allem Überfluss quasi als Geheimtipp für Billigurlaube die Gastfreundschaft der Einheimischen preisen. Samoaner sind einfach zu fein, um Geld zu verlangen. Aber wie auf der ganzen Welt sollte auch hier gelten:Leistung muss bezahlt werden. Die Buben betteln ja nicht.”

„Hi! Wohin musst du? Steig ein, wir fahren in dieselbe Richtung”, abrupt bremst Warren seinen Minibus. Schon ist das Auto vollbesetzt mit Männern, Frauen und Kindern, unterwegs zu ihren Plantagen, zur Schule, ins nächs-te Dorf zum Begräbnis des Onkels. Keinen lässt Warren laufen, alle rücken zusammen, eine hilfsbereite, für kurze Zeit zusammengewürfelte Reisegesellschaft. „Fa‘a Samoa” als angewandte Kunst. Am Autofenster ziehen pittoreske Dörfer vorbei, Kinder plantschen ausgelassen an palmengesäumten Stränden, kleine Inselchen schwimmen wie Seerosen im glitzernden Meer. Und dann, im Nordosten Savai‘is, kohlrabenschwarze Mondlandschaft anstelle lieblichen Postkartenidylls. Ein paar armselige Hütten, hineingeschmiegt in die wuchtigen Gesteinsfalten. Mata ole afi, Augen des Feuers. So nennen die Einheimischen den Mount Matavanu, der zwischen 1905 und 1911 mehrmals ausbrach und fruchtbare Plantagen und Dörfer unter seinen Lavamassen begrub.

Nur das Grab einer römischen Novizin, das „Virgin‘s Grave”, sagen die Samoaner ehrfürchtig, blieb wundersamerweise verschont. Und fromm schreiben sie auf ihr Wappen: „Fa‘avae i le Atau Samoa”. „Samoa ist auf Gott gegründet”. Vermutlich haben sie recht damit.



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