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19
Apr

Robert Menasse: “Ein Symptom von Weltschmerz”

“Doktor Hoechst”, Robert Menasses Version von Goethes “Faust”, wird am Staatstheater Darmstadt uraufgeführt

A.Sch: Was ist für Sie das Spannende, das Aktuelle am Fauststoff?

Menasse: Diese momentane große Krise, diese Todes- oder Überlebenskrise des Kapitalismus, das ist die Krise am Ende von Faust II. Goethe, der große deutsche Dichter, beschreibt an der Biografie eines Mannes die Geschichte der Moderne. Sie beginnt mit der Aufklärung und dem Anspruch, die Welt zu verstehen. Wissen zu akkumulieren. Darum studiert Faust alles Mögliche und kommt drauf, das befriedigt ihn nicht. Also: Wenn das Verstehen der Welt mir nicht genügt, dann will ich sie genießen können. Dann will ich die sinnliche Lust am Leben. Das ist, auf die Moderne umgelegt, die Geschichte der Aufklärung, der Enzyklopädisten, die auch wissen wollten: Was ist die Wahrheit; hin zu einer Gesellschaft, die immer mehr Reichtum produzieren konnte und das als Glücksversprechen anbietet. Aber dann merkt Faust: Das befriedigt ihn auch nicht. Die sinnliche Lust führt auch nicht zur Erlösung.

A.Sch: Keine Erlösung durch Wissen, nicht durch Sinnestaumel - was ist die dritte Möglichkeit?

Menasse: Die dritte Möglichkeit ist, die Welt nach meinem Ebenbild zu gestalten. So wie bei Faust II: Er wird vom Gelehrten über den Genießer bzw. dem Menschen mit Genusssehnsucht zum Unternehmer. Als Herausforderung empfindet er nur noch, das Unmögliche, das Paradoxe zu schaffen: Leben, wo kein Leben ist; Land, wo kein Land ist und so weiter.

A.Sch: Die Welt neu erschaffen: Wollen das auch die Künstler mit ihrer Kunst?

Menasse: Das war in Unkenntnis aller Schmerzen, die das in der Folge bedeutet, tatsächlich der Anlass, warum ich Künstler werden wollte. Ich war 17, als ich die Dämonen von Dostojewski gelesen habe, und war hin und weg und platt angesichts der Tatsache, dass es einem Menschen gelungen ist, eine Welt zu erschaffen und sie mit Menschen zu besiedeln, die alle ihr Schicksal haben und ihre Hoffnungen und Sehnsüchte; und ihr Scheitern, Leben und Tod. Ich habe mit der Taschenlampe unter der Tuchent im Internatsschlafsaal das Buch zu Ende gelesen und gedacht: Das will ich auch können. Das hat mich leider Gottes nicht mehr verlassen.

A.Sch: Warum leider Gottes?

Menasse: Weil es auch ein schmerzfreieres Leben gäbe.

A.Sch: Muss man den “Faust” , um ihn zeitgenössisch zu interpretieren, neu schreiben? Würde nicht eine heutige Inszenierung reichen?

Menasse: Es ist eine Sache, durch Regieeinfälle und Inszenierung Querverweise auf die verblüffende Aktualität von Goethes Faust zu geben. Aber es ist eine andere Sache zu zeigen, dass dieser Stoff auch in der Zeitgenossenschaft funktioniert. Es ist dann eben nicht der Faust mit Businessanzug; der faustische Trieb hat seine sehr spezifische Erscheinungsform in unserer Gegenwart. In radikaler Zeitgenossenschaft kann man ihn nicht inszenieren, weil man nicht mitreflektieren kann, dass der Pakt zwischen Faust und Mephisto ein Irrtum war. Dass Faust, wie in meinem Stück, sagt: Zurück! Der neue Pakt heißt: Wenn du mir ein Wunder schenken kannst, so schenke mir in einer endlichen Welt das Wunder unendlichen Wachstums! Diese Neuformulierung des Paktes ist in keiner Neuinszenierung möglich. Daher musste man einen neuen Faust schreiben.

A.Sch: Wie lange haben Sie daran geschrieben?

Menasse: Vier Fassungen in zwei Jahren. Bei der ersten ließ ich den Konzernchef des 21. Jahrhunderts, meinen Faust, in stilisierten Knittelversen reden, sodass die Sprache als fernes Echo des Stoffes deutlich wird. Das hat ein paar Seiten lang einen faszinierenden Charme, aber dann wird es manieriert, lächerlich. Für die zweite Fassung habe ich mich in meiner Nervosität, ja nichts zu übersehen, in unendlich viel germanistischer Sekundärliteratur verheddert. Da sind dann lauter Germanisten aufgetreten, die behauptet haben, Faust zu sein. Mit der dritten Fassung wollte ich mich davon befreien, aber immer noch mein Wissen beweisen. Hätte ich weitergeschrieben, hätte ich in 20 Jahren ein unaufführbares Stück abgegeben. Der Prinzipal vom Theater Darmstadt hat mir nach einer Leseprobe gemailt: Herr Menasse, das ist hoch interessant, aber bis das fertig ist, bin ich nicht mehr Theaterdirektor. Erst bei der vierten Fassung konnte ich den pragmatischen Gedanken fassen: Man muss, um den Dschungel zu durchqueren, nicht jeden einzelnen Baum fällen. Mit diesem simplen Gedanken im Hintergrund, mir einen gangbaren Weg durch den Dschungel zu schlagen, konnte ich das Stück schreiben.

A.Sch: Ist Ihre “Faust” -Überschreibung vergleichbar mit Arnulf Rainers Goya-Übermalungen?

Menasse: Tatsächlich musste ich an die Rainer’schen Übermalungen denken und habe ihn darum beneidet, dass er mit einem genialischen Strich in einer fast eruptiven Weise sich das aneignen konnte, was ich bei meinem Stoff und bei meiner Arbeitsweise mir so eruptiv nie hätte aneignen können.

A.Sch: Fanden Sie es nicht auch anmaßend, Goethe sozusagen umzuschreiben?

Menasse: Ich war nicht eine Sekunde respektlos. Wobei ich meinen Respekt gleichsam aufspalte: Ich habe enormen Respekt vor dem Stoff und seiner Verarbeitung durch Goethe. Doch das genügt nicht. Man braucht einen zweiten Respekt: gegenüber der eigenen, singulären, unwiederholbaren Lebenszeit.

A.Sch: Goethes “Faust” endet mit dessen Sterben in der von ihm erschaffenen Welt. Wie endet Ihrer?

Menasse: Eine zentrale Frage im Kapitalismus, in der von Faust erschaffenen Welt, ist: Wenn ich eine Welt will, die unendlich wächst, was ist nach meinem Tod? Hinterlasse ich ein Erbe, das bewältigt werden kann? Wenn es einen Beitrag gibt, von dem ich behaupten darf, dass ich ihn zum Fauststoff zeitgenössisch geliefert habe, so der, dass ich den Faust-Stoff mit dem biblischen Abraham-Isaak-Stoff gekreuzt habe: Die Frage, ob man wegen einer großen heiligen Idee die nächste Generation opfern darf.

A.Sch: Stellen Sie diese Frage nur - oder geben Sie darauf auch eine Antwort?

Menasse: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass jede Figur, die Antworten gibt, in Wirklichkeit doch nur eine Frage stellt. Es gibt nichts, was wir nicht hinterfragen können, und es gibt alles, was wir hinterfragen müssen.

A.Sch: Muss man, um den “Faust” neu zu schreiben, eitel sein?

Menasse: In Wahrheit ist der Hintergrund dieses Satzes eine große Tragödie: Wer wirklich mit brennender Seele Kunst macht, ist selbstmordgefährdet. Wenn du dir nicht ab und zu selbst sagst, dass es Bedeutung hat, was du machst, bringst du dich wirklich um. Das wird dann mit Eitelkeit verwechselt, ist aber ein Symptom von Weltschmerz, Menschheitsempathie und Krankheit. Ich weiß, was Eitelkeit ist - ich kann sie identifizieren: bei anderen. Bei mir weiß ich, was es wirklich ist.

Zur Person:
Geb. 1954 in Wien, mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Wichtigste Werke: “Trilogie der Entgeisterung” (Sinnliche Gewißheit; Selige Zeiten, brüchige Welt; Schubumkehr) sowie “Vertreibung aus der Hölle” , “Don Juan de la Mancha”.

Veröffentlicht am 18./19. April 2009 im Standard



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