Wolfgang Lorenz zur Idee Kulturhauptstadt: Nicht den Normalzustand aufschminken | Andrea Schurian Schurian,Andrea+Schurian,

Andrea Schurian

Kunst Kultur Kommentare Kolumnen


XML Feed


26
Apr

Wolfgang Lorenz zur Idee Kulturhauptstadt: Nicht den Normalzustand aufschminken

A.Sch: Machen Kulturhauptstädte heute überhaupt noch Sinn?

Lorenz: Wenn Sie gut gemacht sind, sicher. Jede Kulturhauptstadt ist ein Maßanzug. Deswegen ist Linz ganz anders als Graz zu machen und Istanbul wird anders funktionieren. Es ist immer ein Ortsbefund, der von innen nach außen gemacht werden muss, nicht von außen nach innen. Die Linzer heizen den Ofen von außen nach innen.

A.Sch: Was heißt das konkret?

Lorenz: Das Programm muss vor Ort funktionieren, damit die Strahlkraft von innen nach außen wirkt. Kulturhauptstadt: Das ist ein Positiv-Virus, eine Frage von lokaler und internationaler Ansteckung.

A.Sch: Wie ist ihr 09-Befund?

Lorenz: Ich will Martin Heller nicht belehren. Das ist ein guter Mann! Seine Schweizer Landesausstellung war anstaunenswert. In Linz sind meiner Ansicht nach ein paar Einschätzungsfehler passiert. Kulturhauptstadt: Das schneidet ja mitten ins Leben hinein - bis in die Tagesperformance einer Stadt. Die Frage ist: Sind die Linzer Träger des Labels, Multiplikatoren eines Erfolges? Das hat mit Stolz zu tun. Linz ist - so meine Ferndiagnose - zu wenig stolz auf die Kulturhauptstadt. Wobei das Wort “Stolz” mir selber gleich wieder unsympathisch ist. Vielleicht gibt es zu viel Klein-Klein, zu wenig internationale Haltegriffe.

A.Sch: Aber auch in Graz haben sich Kulturinstitutionen vor Ort übergangen gefühlt und aufgeregt.

Lorenz: Das ist normal. Jede Kulturhauptstadt ist ein Mehrwert, nicht die Auftakelung des Vorhandenen. Wenn eine Kulturhauptstadt nur das, was ist, vergrößert, und dann wieder zusammenfällt wie Salzburger Nockerln, hat sie keinen Sinn. Die Szene vor Ort ist nur dort zu bedienen, wo sie Exzeptionelles anbietet. Aber sonst, selbstverständlich, ist es ein richtiges Konzept, nicht die örtlichen Institutionen aufzupeppen. Kulturhauptstadt ist ein Ausnahmezustand. Den Normalzustand aufzuschminken und sich über ein Jahr über Gebühr zu gebärden hat keinen Sinn. Trotzdem haben wir über 28 Millionen in die Wertschöpfung vor Ort investiert.

A.Sch: Kulturhauptstadt ist ein teures Vergnügen. Was bleibt in der Kosten-Nutzen-Rechnung?

Lorenz: Wir sind mit unserem Budget so ausgekommen, dass noch eine Million übriggeblieben ist. Die Stadt leckt noch ihre Finanzwunden. Aber ich habe, bitteschön, nicht gesagt, dass die eine Stadthalle oder einen Bahnhof bauen sollen. Auch nicht, dass sie den Hauptplatz komplett umgraben müssen; ich habe nicht einmal gesagt, dass die Listhalle dringend notwendig ist - wobei jetzt alle glücklich darüber sind, weil sie eine wunderbare multifunktionale Einrichtung ist. Die überzogenen Budgets sind bitte nicht uns anzulasten. Im Gegenteil. Graz hat an der Kulturhauptstadt verdient. Weil es ein Drittel vom Land und ein Drittel vom Bund gekriegt hat, die es ja sonst nie gehabt hätte. Die Belastung der Stadt Graz war, unscharf umgerechnet, 18 Millionen Euro, die sind auf sechs Jahre im Budget mitgefahren und haben eine Belastung von 0,8Prozent p.a. im Stadtsäckel verursacht. Und der Tourismus hat geboomt.

A.Sch: Und wie sieht es im Vergleich dazu in Linz aus?

Lorenz: Wie das in Linz ist, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass man in Linz mit 65 Millionen Euro um 15 Millionen mehr hat, als wir zur Verfügung hatten.

Wolfgang Lorenz, seit 2006 ORF-Programmdirektor, leitete das Grazer Kulturhauptstadtjahr 2003

(Veröffentlicht am, 25./26.04.2009 im Standard

 



einen Kommentar hinterlassen


Powered by Wordpress 2YI.net Web Directory

Copyright © 2007 Andrea Schurian | All Rights Reserved | WP 2.5.1 | page loaded in 0.67 Sekunden | Reworked & translated by Frank Haensel