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18
Okt

Matthias Hartmann: “Ich bin ja kein Kitschkopf”

Der Burg-Chef im Interview über seine Ängste und Sehnsüchte

ASch: Erinnern Sie sich noch an Ihren Satz in Ihrer Antrittspressekonferenz: “Sie wollten das Beste. Sie verdienen das Beste. Sie kriegen das Beste” ?

Hartmann: Der Satz ist von einer Hybris, dass ich mich schäme. Ich wollte nur ein bisschen Feuer reinblasen in diese Veranstaltung. Aber kaum hatte ich den Pfeil abgeschossen, dachte ich: Ogottogott, komm zurück, Pfeil! Das darf doch wohl nicht sein, dass du so einen Quatsch redest. Es war jedenfalls etwas vermessen, das muss ich gestehen. Dafür, dass es dann gutgegangen ist, hat mich Thalia, die Göttin des Theaters, beschützt.

ASch: Nach Ihrem nicht gerade gemächlichen Einstand an der Burg - sechs Premieren innerhalb einer Woche - proben Sie nun an der Staatsoper Schostakowitschs “Lady Macbeth von Mzensk” . Geht es in diesem Hochleistungstempo weiter?

Hartmann: Na, das wär was. Man fängt ja nicht jedes Jahr das Burgtheater neu an. Nach der Premiere von Amphitryon hat mir die Erkenntnis, dass ich für die Macbeth nur mehr wenig Zeit habe, eine Art Tomahawk in den Rücken gehaut, und jetzt bin ich erledigt. Niedergestreckt. Gefällt. Aber diese wahnsinnige Woge aus Neugierde und Interesse, die uns entgegengeschwappt ist, das war fast schock-artig schön. Ein Rausch. Ich sage meinen Leuten immer: “Merkt euch das für den Fall, wenn es irgendwann nicht mehr so ist.” Theater ist eine reine Glückssache. Man kann nicht programmieren, erfolgreich zu sein.

ASch: Was ist für Sie das Faszinierende an einer Opernregie im Vergleich zum Sprechtheater?

Hartmann: Das es überhaupt nichts miteinander zu tun hat. Im Sprechtheater geht es um das Prozesshafte. Man versucht, gemeinsame Fantasien zu entwickeln. Bei der Oper kommen die Sänger zur ersten Probe und können bereits die ganzen Partitur auswendig. Und fragen dann: Woher komme ich? Was denke ich? Beim Sprechtheater entwickle ich diese Fragen mit den Schauspielern, die Inszenierung entsteht als Prozess. Bei der Oper ist der Rhythmus des Abends durch den Dirigenten vorgegeben. Nicht der Regisseur entscheidet, wann etwas passiert.

ASch: Wie sind Sie als Regisseur? Beobachtend? Cholerisch?

Hartmann: Das ändert sich. Wichtig ist Vertrauen zueinander. Und dass man sich traut. Regie führen ist oft eine Mutprobe. Wenn einer die Ideen doof findet, dann schämt man sich und traut sich nicht, das noch einmal zu sagen. Die erste Probe ist überhaupt eine reine Schämveranstaltung. Jedenfalls sieht man anfangs nichts, wenn ich zu proben beginne. Ich gucke und träume und sammle und denke und verwerfe. Ich bin ein Endsprinter, erst in den letzten vierzehn Tagen stelle ich das Theater auf den Kopf. Früher habe ich stark eingegriffen, mit sehr genauen Haltungen und Meinungen zu dem, was sein sollte. In der Zwischenzeit vertraue ich eher auf Prozesse. Aber ich weiß nicht, ob ich so bleibe. Das Problem ist ja, dass Regisseure im Laufe der Zeit immer schlechter werden.

ASch: Keine sehr erfreulichen Zukunftsaussichten für Sie. Wie kommen Sie zu dieser Diagnose?

Hartmann: Die Regisseure meinen, ein Recht darauf zu haben, ihre Erfahrung verwerten zu dürfen. Wenn jemand mit einem Hautausschlag zum Arzt kommt, dann sagt der: “Dafür habe ich diese Essigsäure schon mal benutzt. Wenn’s nicht wirkt, kommen Sie nächste Woche wieder.” Wenn ich mich aber im Theater darauf berufe, was ich woanders schon mal als Erfolgserfahrung verbucht oder gespeichert habe, dann geht das grundsätzlich schief.

ASch: Sprechen Sie aus eigener Erfahrung?

Hartmann: Durchaus. Bei Kasimir und Karoline dachte ich, ich wüsste, wie es geht - es war eine meiner langweiligsten Aufführungen überhaupt. Die älter werdenden Regisseure sind immer mehr auf ihre Erfolgserfahrungen erpicht, weil sie Angst haben, dass sie ihren Status nicht halten können, dass sie entthront werden, dass eine neue Generation nachkommt. Was machen sie dann? Sie sagen: “Ich habe mit dem Schauspieler Erfolg gehabt, mit dem Autor, mit dem Bühnenbildner und diesem Konsortium von anderen Leuten. Und jetzt mische ich neu, sieht wieder schön bunt aus. Muss ein Erfolg werden.” Tut’s aber nicht.

ASch: Und warum nicht?

Hartmann: Weil künstlerische Prozesse im Theater originäre Folgen der Suche sind. Wenn man findet, ist es nicht mehr gut. Es muss immer Suche sein. Immer Aufbruch. Immer Sehnsucht. Immer Schmerz. Deswegen gelingt mir auch nur jede dritte Arbeit, weil ich das gar nicht aushalte. Ich habe eine Familie und ein Leben als bürgerlicher Mensch. Ich kann mich nicht jedes Mal so tief in diesen Schmerz hineinlassen.

ASch: Sie sind erst zweimal zum Berliner Theatertreffen eingeladen worden. Kränkt Sie das?

Hartmann: Viele meiner Inszenierungen werden zu internationalen Festivals eingeladen. Berlin ist ja nicht der Nabel der Festivalwelt. Es gibt einige unter den Jurymitgliedern in Berlin, die mit ihrem Votum gern Theaterpolitik betreiben und Macht und Image vergeben wollen. Und obwohl sie mich ignoriert haben, gibt es mich trotzdem. Ich verstehe schon, dass es diese Leute zur Verzweiflung bringen kann.

ASch: Kein Gesinnungstheater. Stattdessen Unterhaltungstheater?

Hartmann: Nein. Ich komme zur Überzeugung, dass wir, inkludiert in diesem Pentagramm zwischen Parlament, Rathaus, Bundeskanzler und Bundespräsident, politische Verantwortung übernehmen müssen. Meine Vätergeneration hat das so verstanden, dass sie ständig gesagt hat: “Ich bin gegen den Krieg.” Dann waren sie gute Menschen, weil böse Menschen für den Krieg sind. Diese Art von Polarisierungskampagnen finde ich altmodisch. Gegen das Establishment zu sein auch. Dafür sind wir selber zu viel Establishment. Was mich aber immer mehr interessiert, ist, dass wir mit unserer Arbeit die Menschen nach Zivilcourage befragen müssen.

ASch: Wie - jetzt also doch politische Haltung am Theater?

Hartmann: Das ist die Krankheit “Burgtheaterdirektor” , die ich gerade bekomme. Je mehr die Politikverdrossenheit steigt, muss vielleicht die Kunst zum Mittler werden. Den mündigen Bürger wie den verantwortungsbewussten Politiker fordern. Themen dazu vorgeben. Lichterkettenartig können wir da ansetzen.

ASch: Welche Stoffe interessieren Sie? Suchen Sie den Stoff - oder sucht der Stoff Sie?

Hartmann: Das ist ja schön. Ich wünschte, das käme von mir. Ich würde sagen, man mäandert so durch die Natur, und die Sachen treffen einen plötzlich. Jetzt hat mir jemand Lumpazivagabundus gegeben. Großartig! Aber ich glaube, die Österreicher würden vermutlich nicht verzeihen, wenn das ein Piefke inszeniert. Es ist ein total anarchistischer Irrsinn. Aber auch niedlich. Und kitschig, das ist ja nicht zum Aushalten. Aber ich bin ja ein Kitschkopf. Ich guck gerne Heimatfilme, vor allem wenn ich depressiv bin.

Asch: Ihr erstes Stück, das Sie inszeniert haben, war Mastrosimones “Tagträumer” . Sind Sie einer?

Hartmann: Ich bin, glaube ich, ein Tagträumer. Im normalen Leben kann ich manchmal vollkommen woanders hinträumen. Peer Gynt, das ist auch so einer, der immer eine zweite Chance braucht. Wie ich. Oder der junge Parsifal, der Stümper. Mich interessieren Figuren, die Sehnsucht nach etwas hatten, das sie nicht gekriegt haben.

( DER STANDARD/Printausgabe, 17./18.10.2009)

Zur Person:
Matthias Hartmann, geboren 1963 in Osnabrück, war von 2000 bis 2005 Intendant in Bochum, danach in Zürich. Im Sommer 2006 wurde er zum Burg-Chef ab Herbst 2009 bestellt.

 

 

 

 

 



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