Jürgen Flimm: “Beim Schlusschor bin ich am Wasser gebaut” | Andrea Schurian Schurian,Andrea+Schurian,

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26
Aug

Jürgen Flimm: “Beim Schlusschor bin ich am Wasser gebaut”

Der Intendant der Salzburger Festspiele über Glaube, Liebe, Hoffnung, Buhs und den ästhetischen Mehrwert roter Fahnen

A.Sch: Kränken Sie eigentlich Buhrufe, wie zuletzt bei “Moise et Pharaon” ?

Flimm: Ja sicher. Buhrufe sind feige, sie kommen aus dem Dunkel. Wenn mir Leute ins Gesicht sagen, dass etwas Murks war: Das muss man aushalten. Auch Verrisse gehören zum Job. Der Regisseur bereitet sich locker zwei Jahre vor, arbeitet sich intensiv in den Stoff ein. Ich glaube nicht, dass die Leute das so gut kennen wie ein Regisseur oder Dirigent. Ist auch nicht Aufgabe des Publikums. Manchmal sind die Buhs auch ganz persönlich, nach dem Motto: “Dem hau ich endlich mal eine rein.” Ein Regiekollege von mir saß mal im Publikum und fragte den Buher: “Was haben Sie denn gegen die Aufführung?” Sagte der: “Gegen die Aufführung hab ich nix, aber ich kann den Regisseur nicht leiden.”

A.Sch: Sie überlegen nicht, was da warum beim Publikum falsch ankommt?

Flimm: Nein. Ich weiß ja gar nicht, worüber jemand buht. Weil ich nicht mehr zum Friseur gekommen bin? Ich denke nach, wenn Freunde und Kollegen ernsthaft über die Arbeit reden. Buhen finde ich nur dann gut, wenn das Bühnenbild zusammenkracht, der Souffleur besoffen aus dem Kasten krabbelt und der Sänger mit dem Rücken zum Publikum singt. Also wenn schwere handwerkliche Fehler da sind. Wenn das Auto nur drei Reifen hat statt vier.

A.Sch: Sie haben den Festspielen heuer das Motto “Spiel der Mächtigen” gegeben. Könnte es auch “Glaube, Liebe, Hoffnung” sein?

Flimm: Ja, das ist mir auch aufgefallen: Das Thema hat sich verändert, es wurde eine Wertedebatte daraus. Bei Händels Theodora denkt man schon über Elementares nach: Wie viel musst du aushalten, was bedeutet Flucht? Und natürlich bei Moise et Pharaon die Debatte, wie viel Intoleranz Religionen in sich bergen: Willst du nicht mein Bruder sein, schlag ich dir den Schädel ein. Das klingt in dem Stück schon scharf auf, und deshalb habe ich auch die Bibeltexte laufen lassen, um das noch zuzuspitzen.

A.Sch: Hat die Wirtschaftskrise die Wertedebatte neu entfacht?

Flimm: Ich denke schon. Jan Kott hat einmal den wunderbaren Satz gesagt: “Hamlet ist wie ein Schwamm, er saugt Gegenwart in sich auf.” Wir haben den diesjährigen Spielplan lange vor dem Crash geplant, und jetzt schauen wir zu, wie die, die den Crash verursacht haben, sich die Boni reinschaufeln, als wäre nichts passiert. Da wird man doch leicht nervös. Zuerst haben sie die Banken ruiniert, und dann bedienen sie sich ganz ungeniert. Ich glaube, diese Fälle haben uns sensibilisiert, und die schwingen dann auch hier bei den Festspielen mit. Die Theodora im Großen Festspielhaus mit 2300 Plätzen ist quasi ausverkauft, und bei der Premiere haben die Leute rhythmisch geklatscht: bei einem Stück, wo nur “Werte” verhandelt werden, die Gottesnähe Theodoras! Und ich muss schon sagen: Beim Schlusschor bin ich sehr am Wasser gebaut. Meine Frau auch, aber die ist gläubiger als ich.

A.Sch: Ist nicht auch Luigi Nonos “Al gran sole carico d’amore” ein Glaubensstück?

Flimm: Natürlich. Ein Glaubensstück über die verlorene Hoffnung. Meine Generation ist ja mit diesen Hoffnungen aufgewachsen, auch mit der Hoffnung Che Guevara. Katie Mitchell hat das ja ziemlich abgeräumt, wenn sie eine schöne junge Frau den Staub wegpusten und Reliquien zutage fördern lässt. Und man denkt: Ja, war schon eine gute Idee. Hat nur leider nicht geklappt. Und das ist schon auch ein bisschen traurig. So wie bei der Bergpredigt, das ist einer der schönsten Texte der christlich-jüdischen Tradition. Aber hat wohl auch nicht geklappt.

A.Sch: Sie haben 1978 Nonos “Al gran sole” in Deutschland uraufgeführt. Auch aus Sympathie der kommunistischen Idee gegenüber?

Flimm: Nein, den Kommunismus mochte ich nicht. Aber Che Guevara, das war der Pfadfinder: nach vorne gucken, wir schaffen das, die Hoffnung. Das sah auch gut aus mit den roten Fahnen. Das hatte ästhetischen Mehrwert. An die Organisationen habe ich nie geglaubt. Ich dachte immer: Das funktioniert nicht, dass sich ein Individuum so ducken muss unter das Parteischild. Da war mir die Kirche lieber. Da konnte man schöne Texte lesen. Der Psalter ist einer der schönsten Texte, die je geschrieben wurden. Das war mir lieber als Das Kapital. Das habe ich zwar zu Hause stehen, aber über die ersten 50 Seiten bin ich nie drübergekommen.

A.Sch: Auch der “Jedermann” fügt sich gut in das heimliche Motto “Glaube, Liebe, Hoffnung” . Mögen Sie ihn?

Flimm: Den mochte ich nie. Das war mir immer zu holprig. Doch dann starb mein Bruder, am Tag der Premiere war die Beerdigung. Und mit dieser langen Wolke von Trauer, die man mit sich herumträgt - übrigens bis heute - schaute ich mir die erste Nachtaufführung an. Und die hat mich total ergriffen. Ich war anders disponiert, offen, verletzt, traurig. Auf einmal machte das Stück etwas mit mir. Vorher hat mir offenbar die richtige Rezeptionshaltung gefehlt. Da habe ich das als Fachmann angeschaut. Seit damals bin ich missioniert. Wenn man sich aufklappt, dann ist es auch schön.

A.Sch: Was muss denn Kunst haben, damit Sie sich aufklappen?

Flimm: Mich berührt an der Kunst - das ist ja ein großes Wort - , wenn sie, wie das Adorno einmal geschrieben hat, die Risse zeigt. Er schreibt von den Schründen und Wunden und dem Wunsch einer Versöhnung. Wenn man Spuren in Köpfen der Menschen hinterlässt, wenn sie aus dem Theater rausgehen: Dann hat man schon viel erreicht. Kunst hat die Pflicht, die Widersprüche zu zeigen. Gedankenfelder zu öffnen, das Denken befreien.

A.Sch: Ein christliches Thema ist die Reue. Bereuen Sie manchmal, dass Sie den Job in Salzburg angetreten haben?

Flimm: Nein. Es gibt in Salzburg eine Zeit, die ist wunderbar, sie fängt Mitte Juni an, hört Ende Juli auf: Wenn alle probieren, das ganze Haus summt, alle sind fröhlich, und alle sind sie noch Sieger. Da kriegt Salzburg eine ganz helle Atmosphäre. Die will ich nicht missen. Anderes schon. Aber diese Zeit nicht. Ich gehe auf die Proben, rede mit den Regisseuren über die Produktionen und fühle mich, um mit Brecht zu sprechen, sehr geehrt, wenn meine Vorschläge angenommen werden.

 



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