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Andrea Schurian

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25
Dez

Sabine Gruber: Ein besseres Leben

So ist Lesen: Gefangen in den Geschichten. Gedanken, die nicht mehr aus dem Kopf gehen. Sätze, die sich ins Herz bohren. Und so schreibt Sabine Gruber. Zumindest ein paar Zeilen täglich notiert sie in ein rotes Registerheft, schon siebzehn Hefte hat sie in mehr als zehn Jahren mit ihren Beobachtungen, Alltäglichkeiten, Gefühlen, Gedanken,mit Banalem und Philosophischem gefüllt, Ideensammlungen als handschriftliche Fingerübungen für die großen Romankompositionen. Die Wortkünstlerin glaubt nicht an die Verlässlichkeit des spontanen Wurfs, ihre Romane basieren stets auf genau durchdachten Konzepten.

Schreiben, sagt Sabine Gruber, sei eine Leidenschaft, die sie ebensowenig begründen könne wie die Liebe: „Wahrscheinlich ist Schreiben auch Lebensgewinn, wenngleich diese Aussage paradox ist, weil die Zeit während des Schreibens verrinnt. Durch das Schreiben kann man sich Leben aneignen, indem man in neue Rollen schlüpft, fremdes Leben dazuerfindet. Ich greife nie auf reale Menschen zurück. Manche Freunde sind sogar eher enttäuscht, dass sie nie vorkommen. Meine Figuren sind immer Collagen aus verfremdetem Erlebtem und Phantasie. Sie werden aber am Ende so real, dass es mir immer leid tut, sie nicht kennenlernen zu können.”

Nein, ihre Romanfiguren sind keine papierenen Helden, die einfach still und leise zwischen die Buchdeckel zurückkehren, wenn die letzte Seite umgeblättert ist. Sie kehren als Traum-Gäste wieder, liebgewordene Bekannte, Freunde fürs Leben. So wie die Wiener Kulturjournalistin Marianne, Lieben und Leben der nierenkranke Ich-Erzählerin ihres Romans „Die Zumutung” werden ein buchlang überschattet von der Angst vor der Dialyse. Und dem Ende.

Oder Irma, nierentransplantierte Alleinerzieherin in Wien, und Mira, Altenpflegerin in Rom, deren Schicksale GRuber im Roman „Über Nacht” nicht nur durch das Anagramm der Namen miteinander verbunden hat. Sabine Gruber räsoniert viel über Zufall und Leben und Tod. In ihren Büchern. Und im wirklichen Leben.

„So ein Blödsinn!”, wir sitzen im „Madiani” am Karmelitermarkt im zweiten Wiener Bezirk, ärgerlich schiebt sie die Wochenzeitung beiseite, am liebsten würde sie mit einer schnellen Handbewegung wohl auch den ungenügend recherchierten, manipulativen Artikel über Hirntod und Transplantation aus der Welt fegen. Halbwahrheiten, esoterischer Humbug, ausgerechnet in diesem liberalen Blatt tut sich die offenbar so schwer überbrückbare Kluft zwischen Gesunden und Kranken wieder auf. „Klar ist, dass noch nie ein Hirntoter ins Leben zurückgekehrt ist”, wird sie eine Woche später in einem Gastkommentar dem Artikelschreiber scharf antworten. Und weiter: „Diejenigen, die gegen die Entnahme von Organen sind, sollten zu gegebener Zeit die Konsequenz und Größe haben, von einer lebensrettenden Organtransplantation Abstand zu nehmen und die Organe anderen zu überlassen.”

Sabine Gruber, diese auffallend schöne Frau, deren verhaltenes Lächeln mitunter zu einem ansteckenden Lachen anschwellen kann, weiß, wovon sie schreibt. Seit 13 Jahren lebt sie mit einer fremden Niere. Organspenderin war ihre Mutter.

1984, da war Gruber gerade 21 Jahre alt, wurde an der Innsbrucker Universitätsklinik eine chronische Nierenerkrankung diagnostiziert - und die junge Germanistik-Studentin um das gebracht, was man wohl jugendliche Selbstvergessenheit nennen könnte. Denn über den Verlauf ihrer Krankheit gab es von allem Anfang an keine Zweifel: irgendwann würde sie, um zu überleben, an der Dialyse hängen müssen, dreimal die Woche vier Stunden, und schließlich eine neue Niere brauchen. „Ich möchte aufwachen eines Tages und eine Gesundheit haben, die nicht ausgeliehen ist, aufwachen und sie besitzen” lässt Sabine Gruber ihre Ich-Erzählerin Marianne in dem Buch „Die Zumutung” hoffen. Marianne ist das Anagramm von Annemarie, dem Namen der Mutter, als kleine Hommage an ihre Lebensretterin. „Ich wünsche mir, alt zu werden, aus Neugierde, weil ich sehen will, was auf dieser Erde noch alles passiert. Ein Wunsch, für den ich nicht gerade die besten Voraussetzungen habe”, sagt Sabine Gruber lakonisch.

„Meine Krankheit hat vieles in meinem Leben kaputt gemacht. Ich war unausgeglichen, unruhig, launisch, ungeduldig. Ich musste immer doppelt und dreifach leben, weil mir die Zeit davonrannte. Die Nähe zum Tod hat mich gelehrt, intensiv zu leben, mit all den negativen Aspekten, die so ein unruhiges Leben mit sich bringt. Irgendwann ist man zu alt, eine Familie zu gründen, man beendet Beziehungen, wechselt Wohnorte. Vielleicht wäre das in dieser Häufigkeit nicht geschehen, wenn ich in mir geruht hätte.”

Große Lieben sind an dieser Verzweiflung zerbrochen, wie etwa die zum Stern-Journalisten Gabriel Grüner, den sie 1982 an der Universität Innsbruck kennennlernte und mit dem sie zehn Jahre zusammen war. 1999, als Grüner von einem serbischen Söldner im Kosovo erschossen wurde, da waren sie längst kein Paar mehr. “Und dennoch war sein Tod das Schlimmste, was mir in meinem Leben je widerfahren ist”, lange konnte sie danach nicht mehr schreiben, erst durch die Lyrik, die „Zuchtmeisterin der Poesie” (Joseph Brodsky), fand sie ihre Worte und Wortgewalt wieder. „Solange er lebte, konnte er nicht Teil meiner Texte werden, weil er Teil meines Lebens war. und wie soll ich jetzt über ihn schreiben können, da e r nicht mehr existiert?” grübelte sie in ihrem Prosatext „Wo er nicht ist.”

Seit elf Jahren ist die aus Südtirol gebürtige Lyrikerin und Romanschriftstellerin mit dem bildenden Künstler Karl-Heinz Ströhle zusammen, er hat die Wohnung unter der ihren bezogen, idente Größe, seitenverkehrter Schnitt, eine Wendeltreppe verbindet die beiden unterschiedlichen Lebenswelten: sozusagen Bild unter Schrift. Diese räumliche Trennung ist wichtig, denn fürs Schreiben braucht sie absolute Ruhe, im Falle einer Schreibkrise zieht sie wahllos eins der Bücher aus dem Regal, lässt sich in Worte und Sprache und Bilder fallen, macht Notizen an den Seitenrändern, streicht an, was ihr wichtig erscheint, dieses Getue um die Unversehrtheit der Bücher kann sie nicht nachvollziehen, nur „bei wirklich schönen Ausgaben schreibe ich nichts hinein.” Und wenn die Gedanken dann noch immer nicht fließen wollen, fängt sie zu putzen an oder radelt ins Kaffeehaus oder packt ihre Schreibsachen ein und setzt sich auf die Terrasse in der Meierei im Prater, denn „das Leben ist lebenswert, auch wenn es manchmal schwere Schicksalsschläge zu bewältigen gilt.”

Und wenn das Leben besonders lebenswert ist, dann fliegt sie nach Rom. „Leider regnet es und man ist nur damit beschäftigt, nicht in die mit Regenwasser gefüllten Straßenlöcher zu steigen. Aber gestern vormittag saß ich in der Sonne auf dem Campo die fiori und war einfach nur glücklich”, mailt sie vergnügt. Die südliche Geschäftigkeit Roms ist - neben der Melancholie Wiens - ihre wichtige Inspirationsquelle , Schauplatz ihrer Romane. Und soetwas wie ihre zweite Heimat. „Vielleicht ist meine ‚Heimat’ ein Zustand, der mich leben/überleben lässt, ohne mich ständig an den Tod zu erinnern, die sogenannte Normalität der Gesunden, die ich mir auch für mich selber wünsche”, antwortete sie, als sie zum Begriff „Heimat” interviewt wurde und sie fügte hinzu: „Ich mag das Wort ‚Heimat” nicht, es diente in Südtirol als Nationalbegriff, als Abgrenzung. In jener ‚Heimat’ hatten die italiener und Ausländer keinen Platz, sie sind bis heute nur geduldet.”

Klein Sabine ließ indes nie einen Zweifel darüber aufkommen, was sie wollte: etwa auf keinen Fall den deutschsprachigen, sondern gemeinsam mit ihrem Sandkasten-Freund Maurizio den italienischen Kindergarten in Lana besuchen. Sie spielte lieber mit Autos als mit Puppen, mochte ihre Lederhose mehr als schöne Kleidchen, blieb gern für sich, erfand Personen, redete mit ihren unsichtbaren Freunden und ordnete ihnen Wohnungen und Häuser zu, die sie auf Ausflügen ausgekundschaftet hatte. Und Bücher liebte sie, vor allem Bücher, schmuggelte sie aus der bescheidenen Bibliothek des Vaters ins Kinderzimmer, las heimlich mit der Taschenlampe unter der Bettdecke. Sie erfand Geschichten, ihre ersten Gedichte schrieb sie in der Pubertät, allerdings so hermetisch und verschlüsselt, dass die darin versteckten Botschaften niemand, nicht einmal die Mutter, herauslesen konnte. Die Liebe zu den Büchern wurde ihr übrigens schon in die Wiege gelegt: Sabine Gruber wurde im August 1963 in eine Südtiroler Schriftsetzer- und Buchmacher-Dynastie geboren.Dem aussterbenden Beruf des Vaters wird sie später in ihrem dritten Roman „Über Nacht”ein kleines literarisches Gedenkmal setzen.

Nach dem Studium 1988 unterrichtete Sabine Gruber als Deutsch-Lektorin an der Universität Cà Foscari in Venedig, da war sie bereits vier Jahre chronisch krank. Ihr Zustand verschlechterte sich, 1992 musste sie nach Österreich zurückkehren, die Nähe eines guten Krankenhauses wurde überlebenswichtig.

Und immer, von klein auf, während des Studiums, trotz Krankheit und anstrengender Brotjobs - Putzfrau, Küchenmädchen, Dozentin, Lektorin, Vortragende, am Fließband, im Supermarkt, im Büro, in der Buchhaltung - schrieb sie und schrieb, in Kultur- und Literaturzeitschriften, schrieb in Antologien, schrieb wie um ihr Leben. Als sie 1993 beim Ingeborg Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt einen Auszug aus ihrem späteren Roman-Erstling „Aushäusige” vorlas, bekam sie sofort ein Angebot von DTV, doch Gruber musste schweren Herzens absagen: „Das Manuskript war noch nicht abgeschlossen und ich schwer krank. Ich stand kurz vor der Dialyse, ich hätte einen Vertrag mit einem fixen Abgabedatum nicht erfüllen können.”

Ihr damaliger Lebenspartner war österreichische Schriftsteller Robert Schindel, „einer der warmherzigsten Menschen überhaupt, die ich kenne. Er hat mich auf bewundernswerte Weise durch meine schlimmste Zeit - Dialyse und Transplantation - bgegleitet.” Warmherzig sei sie selber, gibt Schindel zurück, und außerdem viel zu bescheiden, die Krankheit habe sie sozusagen zur Lehrmeisterin über Ansichten des Lebens gemacht. Und das Großartigste an ihr sei, sagt Schindel, dass sie eine eigene Sprache entwickelt habe: „Sie springt auf keine Moden auf. Sie ist in der Sprache und nie mit der Sprache.”

Als das „Aushäusige”-Manuspript drei Jahre später fertig war, schickte Gruber es an ein paar große deutsche Verlage. Doch teils blieben die Antworten aus, teils waren sie abelehnend: „Ein deutscher Lektor hat mir geschrieben, das Buch sei ihm zu österreichisch-italienisch. Dabei gab es sogar ein Glossar für die italienischen und österrichischen Ausdrücke.” Über Georg Stefan Troller landete das Manuskript bei Peter Handke, der es zum großen Erstaunen der jungen Schriftstellerin auch tatsächlich las und „Die Aushäusigen”, versehen mit einem Empfehlungsschreiben, dem Loize Wieser-Verlag in Klagenfurt übermittelte. 1996 erschien Grubers Roman über die Wiener Journalistenszene und den Venezianischen Fischmarkt, über ein Geschwisterpaar, das aus dem Land der „Stottersprache” und des „Kindheitssschweigens” wegzieht, über einen Fischhändler, der sich nur ohne Zuhause zu Hause fühlt, über Weltsuchende. „Selten sieht man die Wirklichkeit so restlos in Sprache aufgehen wie in diesem Debütroman”, schwärmte die Kritik. Ihr jüngster Roman „Über Nacht”, erschienen im Beck-Verlag, landete als eine der spannendsten Neuerscheinungen dieses Jahres auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis , von einer siebenköpfigen Jury aus insgesamt 117 Titeln ausgewählt: fünfzehn Männer, nur fünf Frauen. Schon gut, meint sie. Aber viel wichtiger war ihr das Mail eines Deutschen, der sich nach der Lektüre des Romans einen Organspendeausweis besorgt hat, damit all die Irmas dieser Welt ein besseres Leben haben.



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