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21
Aug

Alexander Pereira: “Die Festspiele finanzieren die Republik Österreich”

Schurian: Helga Rabl-Stadler hat unlängst erklärt, die Festspiele würden vermutlich erstmals seit Jahren einen Verlust zu verzeichnen haben. Teilen Sie diese Befürchtung?

Alexander Pereira: Nein. Wir befinden uns mitten in sehr erfolgreichen Festspielen und sollten uns ausschließlich darauf konzentrieren, mit dem positiven Rückenwind auf ein gutes Ende der Festspiele zuzusteuern. Wir liegen im Moment 1,8 Millionen Euro über Budget bei den Kartenerlösen. Außerdem habe ich seitens der Mailänder Scala angeboten, Produktionen im Wert von 500.000 Euro zu übernehmen. Wenn man die Million wegrechnet, die wir ja bereits eingeplant hatten, sind wir derzeit 1,3 Millionen Euro im Plus, vielleicht werden es sogar 1,5 Millionen. Noch nicht abschätzen kann man die Aushilfen, die Zahlen liegen erst im November vor. Doch eine Überschreitung in diesem Bereich von 1,3 Millionen ist denkunmöglich. Aber selbst den sehr unwahrscheinlichen Fall eines kleinen Verlustes würde ich im Nachhinein mit Freunden und Sponsoren abdecken können. Ganz prinzipiell: Wenn etwas so schön und positiv gelaufen ist wie diese Saison, muss man auch mal fünfe gerade sein lassen. Ob es 300.000 plus oder minus werden, sollte nicht im Vordergrund stehen. Hauptsache, wir hatten Festspiele, die diesen Namen verdienen.

Schurian: 280 Veranstaltungen an 14 Spielstätten: Ein eventuelles Minus wird vor allem Ihrer Expansionslust angelastet.

Pereira: Um die Pfingstfestspiele zu retten, haben Cecilia Bartoli und ich beschlossen, jährlich eine neue Oper zu produzieren, die im Sommer fünfmal weitergespielt wird. Der Erfolg ist künstlerisch und finanziell überwältigend. Die Ouverture spirituelle ist hochpositiv, wir haben die Budgetziele bereits um ein Viertel überschritten. Dass man die geistliche Tradition der Stadt aufgreift mit einem erweiternden Blick in die Welt, ist inhaltlich einer der wichtigsten neuen Akzente der Festspiele. Nächstes Jahr ist islamische Musik sicher ein heikles Thema - aber eine große Chance für eine wichtige europäische Institution, sich gegenüber dieser Weltreligion zu öffnen. Auch El Sistema wollte man mir verbieten, also habe ich es ausschließlich privat finanziert.

Schurian: Salzburgs Bürgermeister zieht einen Urlaub in Fernost den Festspielen vor …

Pereira: … ich will das bitte nicht kommentieren. Nur so viel: Die Region profitiert mit 330 Millionen Umwegrentabilität. Und: Wir kriegen 13 Millionen Euro öffentliche Gelder, vierzig Prozent davon - 5,2 Millionen - vom Bund. Die Festspiele zahlen allein an Lohnsteuer jährlich 7,5 Millionen, das heißt: Die Festspiele finanzieren die Republik Österreich, nicht umgekehrt.

Schurian: Unbilden gab es auch von künstlerischer Seite: Was entgegnen Sie der Sopranistin Elisabeth Kulman, die beklagt, dass es zu dicht gedrängte Terminplanungen und zu viele Proben, aber keine Probengagen gäbe?

Pereira: Wir haben Frau Kulman ein Angebot gemacht, das sie angenommen hat. Wenn, dann hätte sie sich vorher beschweren sollen, nicht im Nachhinein. Es gibt eine Gagenliste der deutschen Opernkonferenz, auf dieser Liste steht Frau Kulman mit einem bestimmten Betrag; wir haben mit tausend bis 1500 Euro pro Vorstellung deutlich mehr gezahlt. Und zu den gestrichenen Probengeldern: Als ich in Salzburg anfing, war ich entsetzt über die Gagen, die man hier zahlt …

Schurian: … weil so hoch oder weil so niedrig?

Pereira: So niedrig. Um mehr zahlen zu können, habe ich die Probengelder gestrichen - ebenso wie es das Theater an der Wien oder die Bregenzer Festspiele tun. Auch in Italien, Frankreich, Skandinavien gibt es keine Probengelder. In der Schweiz habe ich sie vor fünfzehn Jahren gestrichen, in dieser Zeit passierte es genau zweimal, dass jemand probt und dann erkrankt. Selbstverständlich habe ich aus einem völlig normalen sozialen Bewusstsein heraus eine Gage als Entschädigung bezahlt. Die Gewerkschaftsvertreter haben mit uns über diese Situation gesprochen und uns für unsere soziale Einstellung gedankt.

Schurian: Und Zweitbesetzungen?

Pereira: Die kriegen natürlich ein Probengeld, sie haben ja als Probencover keine Auftritte. Problematisch ist es eher für junge Sänger, deren Abendgabe bei 1000 Euro liegt und die nach sechs Probenwochen sechs Auftritte haben und mit 6000 Euro nach Hause gehen. Dieses Problem stellt sich eher an kleinen Häusern.

Schurian: Gibt es solche Fälle bei den Salzburger Festspielen?

Pereira: Nein. Die junge Sängerin, der Anfänger investiert immer, an dieser Situation kommen wir nicht vorbei, sonst könnten wir den jungen Leuten keine Chance geben. Unser Young Singers Project funktioniert so, dass die Leute es als ein Studium sehen. Sie bekommen Logis und 3000 Euro Studienbeihilfe.

Schurian: Beteiligen Sie sich an Überlegungen und Spekulationen über Ihren Nachfolger?

Pereira: Meine Planungen für 2015 und 2016 gehen davon aus, dass ich acht Millionen Euro sammeln kann. Wenn mein Nachfolger dieses Geld aber nicht auftreiben kann, muss es zu radikalen Kürzungen kommen. Oder am Tag, nachdem der lästige Pereira weg ist, werden die Subventionen erhöht. Doch selbst dann wird das Herstellen einer neuen Solidarität zwischen Wirtschaft, Politik und privat, für die ich kämpfe, für Salzburg überlebenswichtig sein. Hierzulande streicht man Kulturinstitutionen, Theater, Museen außen schön an und innen fressen die Termiten alles auf. Nur wenn sich der Staat entscheidet, die Tariflohnerhöhungen immer zu finanzieren, kann man sich einen reinen Kunstintendanten leisten.

Schurian: Oder man reduziert das Programm?

Pereira: Ich kann diese Argumentation nicht mehr hören, aber: Transferieren Sie das Programm von 2011 eins zu eins auf 2013, dann fehlen Ihnen 4,7 Millionen Euro ganz ohne Ausweitung, ohne Pfingsten, Ouverture spirituelle oder Mehrprogramme. Von 2013 auf 2016 steigen nur aufgrund der Tariflohnerhöhung die Personalkosten um 13 Millionen bei einem künstlerischen Budget von 25 Millionen. Bis zur letzten Sekunde, die ich hier bin, werde ich die lästige Laus im Pelz der Subventionsgeber sein, um eine Erhöhung sicherzustellen, die den Festspielen das Überleben einigermaßen sichert. Der Skandal, dass die Subventionen auf dem Stand von 1998 stehenbleiben, darf sich nicht wiederholen!

Schurian: Verstehen Sie, dass die Wiener Philharmoniker bei der Intendantenwahl mitreden wollen?

Pereira: Natürlich! Sie sind das Zentrum der Festspiele, seit meiner Intendanz spielen sie vier Opern und fünf Konzertprogramme. Sie wollen nicht, dass geplante Projekte durch den bevorstehenden Wechsel womöglich einbrechen.

Schurian: Erachten Sie eine Findungskommission als zielführend?

Pereira: Es erstaunt mich, dass Politiker glauben, den Markt für Intendanten zu kennen. Ich kenne die Kandidaten für einen zukünftigen Innenminister jedenfalls nicht. Ich hielte es daher für sehr vernünftig, Experten - wie eben die Philharmoniker - heranzuziehen.

Schurian: Werden Sie nach Ihrem Weggang als Intendant als Besucher wiederkommen?

Pereira: Selbstverständlich! Vieles sind ja meine Kinder, an denen mein Herz hängt. Ich werde ja nicht nur von heuer Don Carlo, Die Meistersinger und, wahrscheinlich, Lucio Silla in Mailand übernehmen, sondern auch Produktionen aus 2014. Ich habe mich lang um eine Kurtág-Uraufführung bemüht, die nun mit Luc Bondy als Regisseur und Ingo Metzmacher als Dirigent stattfinden wird. Die ersten Seiten liegen auf meinem Tisch. Um sie auf jeden Fall finanziell abzusichern, wird die Scala koproduzieren. Nach Salzburg und zum Abschluss der Expo werde ich in Mailand mit Kurtágs Fin de Partie herauskommen ( DER STANDARD, 21.8.2013)

Alexander Pereira, geb. 1947 in Wien, studierte sieben Jahre Gesang und war in der Wirtschaft tätig, ehe er das Wiener Konzerthaus (1984-1991) und das Opernhaus Zürich (1991-2012) leitete. Seit 2012 ist er Intendant in Salzburg. Sein Vertrag endet vorzeitig 2014, weil er an die Mailänder Scala wechselt.



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