Wolfgang Hollegha: Der Komponist der Bewegung | Andrea Schurian Schurian,Andrea+Schurian,

Andrea Schurian

Kunst Kultur Kommentare Kolumnen


XML Feed


25
Jan

Wolfgang Hollegha: Der Komponist der Bewegung

Ein Holzhaufen zum Beispiel.  Oder das  Scheit, das schief an der Hauswand lehnt. Ein  Knäuel aus Wurzeln und Ästen. Steine. Auswüchse von Tannen. Der Teddybär, der seit Jahrzehnten  auf dem Fensterbrett sitzt. Die Löwen-Handpuppe in der Zimmerecke:  Das sind die Gegenstände, die Wolfgang Hollegha so lange anschaut, immer wieder anschaut und zeichnet,  und anschaut, und zeichnet,   bis - ja,  bis er die Bewegung entdeckt und diese Bewegung sozusagen vom Gegenstand loslöst, abstrahiert, in Farbflecken und -wischer und -spritzer auflöst. Auf dem Bild  ist kein Gegenstand mehr zu erkennen, keine winzige Andeutung eines Holzscheites oder einer Puppe. Nur mehr Bewegung, in Wolfgang Holleghas Grammatik übersetzt. Geordnet.

Darum geht es nämlich: Dinge, Bewegungen zu ordnen  in seinen Bildern. Ordnung des Gegenstandes. Und Ordnung der Bewegung.

„Ausgangspunkt ist immer ein Gegenstand.  Ich male nur  nach der Natur. Ich transportiere  sogar  Novopanplatten in den Wald, damit ich vor Ort zeichnen kann“, erzählt  er.

Ruhe im Kopf. Und Bewegung in den Gegenständen: deshalb hat  er  sich in ein 400 Jahre altes Bauernhaus auf dem Rechberg in der Steiermark, in der Nähe von Fronleiten, dem Ort seiner Kindheit, zurückgezogen. Seit 42 Jahren lebt er in der Einschicht, gemeinsam mit seiner zweiten Frau Edda. Vor 32 Jahren hat er  dann am Waldrand nahe des Hauses sein Sommer-Atelier gebaut:   15 Meter hoch überragt es wie ein  riesiger  Hochstand, wie eine  hölzerne Kathedrale,  alle  Baumwifpel. Und drüber und drinnen ist Ruh’.

Geboren wurde Wolfgang Hollegha  am 4. März 1929 in Klagenfurt. Der Vater starb schon vor der Geburt, die Mutter hatte Tuberkulose, damals ein Todesurteil. Also nahm  die Tante den kleinen Wolferl zu sich nach Fronleiten, und wenn er von seiner Mutter spricht, dann meint er sie. Bei ihr und seiner  Großmutter also wuchs er auf,  mit Kunst kam  er kaum in Berührung;  damals,  in der Nazizeit,  gab es wenig anregendes, höchstens ein paar Kunstpostkarten vom Kunsthistorischen Museum in Wien. Als er seinen ersten Picasso sah, war er schlichtweg entsetzt.

Nein, sein Lebenslauf verheißt ihm nicht schon als Kind, daß er später einmal einer der wichtigsten abstrakten Maler Österreichs sein  würde, der  1957 den  Guggenheim-Preis  erhalten, 1964 an der Documenta III in Kassel teilnehmen und    1960 mit den internationalen Top-Stars der abstrakten Malerei wie Mark Rothko, Kenneth Noland, Morris Louis  gemeinsam in New York ausstellen  wird.  Rothko und Louis  schätzt   er übrigens bis heute ganz besonders,  weil beide die Geometrie aufgelöst und kompliziertere Farbübergängen geschafft haben. Der amerikanische Kritikerpapst Clement Greenberg, der damals  Künstlern und dem Publikum gleichermaßen streng dekretierte, was denn nun wirklich Kunst sei und was nicht, hatte den jungen Österreicher nach New York geholt. Hollegha entsprach seinen strengen Kriterien; zweimal  stellte er  im Guggenheim Museum aus, 1964 und 1966 - eine Tatsache, die er heute kaum erwähnenswert findet. „ Ich hätte erfolgreicher sein können, wenn ich in New York  geblieben wäre und die Kontakte gepflegt hätte.  Aber in New York zu leben, hat mich nie interessiert - ein halbes Jahr schon, aber sicher nicht länger” sagt er und fügt, mit einem leichten Kopfschütteln hinzu: „Nein, ich hätte mich sicher nicht gut entwickelt, wenn ich dort geblieben wäre.”

Also: zurück aufs Land. Der Naturraum ist sein Erlebnisraum, hier findet Hollegha seine Motive, Dinge mit Spuren des Alterns und der Vergänglichkeit.  „Wenn man durch den Wald geht, da ist alles ein bißchen schief.  Organisch. Oder, wie die Felsen, über Jahrtausende gewachsen. Dieses Schiefe, Organische, Gewachsene, inspiriert mich.  Da ist nichts designt oder Technikerarbeit.  Das paßt. Auch wir Menschen sind organisch, es ist verständlich daß man da eher eine Beziehung dazu hat. Unsere Wahrnehmung ist ja organisch. Der Kopf ist nie eine Kugel. Die geometrische Form ist absolut richtig, aber absolut unvereinbar mit der Verschiedenheit der Menschen”.

Das von der Mutter geerbte Haus in Fronleiten verkaufte er und erwarb stattdessen das alte Bauernwirtshaus mit viel Grund rundherum oben am Rechberg. Ein Haus mit einer ganz besonderen, archaisch-schönen Ausstrahlung: kein unnötiger technischer Schnickschnack, „mir gefallen die komplizierten alten Möbel  besser als diese Designer-Sachen. Purismus kann ich ja noch verstehen; diese gewisse Strenge. Aber diese Designer….”, das Bad ein echtes Erlebnisbad, mit rohen  Steinwänden, über einem langen Holztram hängen die Handtücher.     In der Stube detailversessen schöne Stühle,  Entwürfe des Hausherrn; und Altes, Schränke, ein Sofa,   „wenn der Hollegha nicht  kommt und kauft, haut man’s zsamm”, haben  die Bauern  gesagt und den Besuch des Künstlers herbeigesehnt.

Eine schiefe  Treppe führt in den Atelierberich: helle, lichtdurchflutete Räume. Hollegha braucht das Licht, das richtige Licht.  Hohe Räume, verschalt mit rohen ungesäumten Brettern. Ein ausgefinkeltes Lager-System. Vor den riesigen Fenstern glitzert der Schnee.  Malschüsselchen stehen herum, Bilder, sorgsam mit der bemalten Fläche zur Wand gedreht, damit das Licht keinen Schaden anrichten kann.

Das Haus ist voll von alten, zerlegten Dingen, Körbe, Säcke, Leitern, Krüge, Puppen - „was im Vorhaus, auf den Fensterbrettern, in Nischen, Wandkästchen und Regalen herumliegt, sich eingeistet und verfilzt hat, das ist nicht pittoreskes Dekor oder romantische Unordnung: Hollegha erlebt diese Gegenstände als Fixpunkte seiner Formerfahrungen, sie sind sein Motivvorat, ein unerschöpfliches Ding-Alphabet”, schrieb Werner Hofmann anläßlich einer Ausstellung Holleghas im Wiener Museum des 20. Jahrhunderts im Jahr  1967.

Jetzt   ist das Schau-Modell  also  eine achtlos hingeworfene Mütze auf dem Kopf eines Holzpferdes, die ihn fasziniert, die er umkreist und studiert.  „Bitte nicht berühren”, sagt er schnell, als wir  in die Stube treten. Kein Gast, nicht seine Frau Edda, auch nicht er selbst  - niemand darf den Schwung der Kappe verändern, die vor  guten  zwei Wochen eher zufällig auf dem hölzernen  Ringelspielpferd gelandet ist,  irgendwann, beim Nachhausekommen. Jetzt muß sie bleiben. Und der Künstler schaut, „man sieht ja nicht jeden Tag gleich gut”, schaut - so lange, bis er die Bewegung entdeckt. In den nächsten Tagen wird er mit dem Zeichenstudien beginnen.

So ist es immer. Zuerst Zeichnen.  Der Weg von der Wahrnehmung zum Bild führt über die Zeichnung, genauer: über die Zeichnungen. Er zeichnet viel, von 10 Zeichnungen überleben  allerdings nur wenige sein strenges Selbst-Urteil. Meist  nur eins. Den Rest wirft er weg, „denn beim Zeichnen experimentiere ich, zeichne auch drüber und dann wird es oft echt häßlich. Und graphisch grauslich” sagt er, ganz ohne Pathos. „Diese Zeichnungen: das ist so, wie wenn jemand am Klavier spielt, übt, experimentiert, ausprobiert, um sich was zusammen zu komponieren.”

Wenn er das Objekt oft genug  gezeichnet und die Komposition  im Kopf hat, dann muß er nur mehr die Farbflecken richtig plazieren. Nur mehr, sagt er.

Der Anfang sei das Ärgste,  wo man  nämlich den ersten Fleck hinsetze - „hier bei dem war es zum Beispiel links unten. Und dann ist es natürlich wichtig, die Bewegung im Gleichgewicht zu halten.”

Am Anfang also ist der Fleck. Die  konkrete Ausführung entsteht spontan,  natürlich spielt auch der Zufall eine Rolle, aber „man muß wissen, ob der Zufall gerade paßt oder nicht. Man muß den Moment des Zufalls wissen, ob es möglich ist oder nicht - und notfalls sofort korrigieren. Es ist wie beim Komponisten. Der hat auch die Musik im Kopf und spielt dann aus dem Stehgreif; aber trotzdem muß es eine gewisse Ordnung haben. Einen Zusammenhang. Eine Logik. Eine bestimmte Grammatik.”

Vokabular, Grammatik, Individualität: Schlüsselworte für Hollegha. „In der Wissenschaft kann man keine Individualität haben. Im Gegenteil. Einstein kann nicht sagen, daß eine Formel nur funktioniert, wenn er selbst sie anwendet - weil nur er selbst sie anwenden kann. In der Kunst ist das anders. Da muß die Individualität bleiben und  Grammatik hat überhaupt nur Sinn, wenn es die Grammatik einer bestimmten Person ist. Diese individuellen Grammatiken stören einander nicht; man kann ja nie sagen: Rembrandt und Velasquez korrigieren einander, nur einer ist etwas wert. Nein - beide sind in ihrer künstlerischen Individualität wichtig, mit ihrer ganz eigenen Grammatik.”

Hollegha hat seine eigene Grammatik entwickelt und mit ihr  seine ganz bestimmte Schreibweise. Dünner Farbauftag, nie mischt er Weiß dazu, um nicht pastos zu werden,  nur die weiße Grundierung schimmert durch die Farbflecken und Wischer. Er kommt mit wenigen Farben aus: drei Blau, zwei Rot, ein Gelb, ein Braun, daraus mischt er sich alle Kompositionen und Schattierungen, die er möchte. Vor ein paar Jahren hat man eine seiner Lieblingsfarben verboten,  die er vor 30 Jahren entdeckt hat das Manganblau,  das leuchtendste, kalte blau, das  denkbar ist und wegen seines hohen Sättigungsgrades im normalen Farbkreis nicht angetroffen wird. Dieses Manganblau - auch die Bezeichnung Mangancölinblau ist üblich - ist als                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                               Bariumverbindung leicht giftig, weshalb die EU die Herstellung der Farbe verboten hat. „So ein Blödsinn”, sagt Hollegha. „Aber das ist typisch für diese Herrschaften. Das wäre so, als würde man einem Musiker sagen, jetzt gibt es das C nicht mehr. Aber ich habe damals noch schnell viele Dosen gekauft;  so wie auch die zwei Rot und das Gelb: sind Kadmiumfarben, die wollen sie jetzt auch verbieten.”

Hollegha malt nicht mit dem Pinsel; in seinen Ateliers stehen hunderte kleine weiße Porzellanschüsselchen, aus denen er  die Farbe auf die Leinwand schüttet; und  mit Stoff-Fetzen, mit  Bäusche streicht er die Farbflecken aus, verwischt sie. Durch das Hinauswischen entstehen die Konturen. Ist der Fetzen trocken, ensteht harte Kante, bei feuchten Bäuschen wird die Farbkante fließend.

Die Vorbereitung dauert lang, Leinwand grundieren, Zeichnen, Analysieren, Experimentieren, Komponieren, Bewegung sehen, Raumstrudel, drei Wochen dauern die Vorbereitungen für ein großes Bild   - aber dann, dann!  muß es schnell gehen, das wichtigste muß an einem Tag fertig sein, korrigieren ist nicht möglich - anders als bei pastos gemalten Bildern, wo man drübermalen oder abkratzen kann, was sich Irrtum herausstellt.

Kleine Gegenstände wie zum Beispiel ein Holzscheit werden ganz groß.

„Die großformatigen Bilder sind mir wichtig - auch wegen der Bewegung. Ich bewege mich gern beim Arbeiten”, sagt er, „Bewegung ist ein Teil der Wahrnehmung.”

Groß,  das heißt bei Hollegha wirklich: groß. Fünf Meter hoch sind die größten Bilder, auch bei diesen großformatigen Werken hat Hollegha immer das Ganze vor sich; und die Zeichnungen an den Wänden. Ja, und Musik, die braucht er auch,  am  liebsten  hört er beim  Malen Bach, gewisse Sachen immer wieder,  „wie ein Zirkuspferd. Das tanzt auch bei bestimmten Melodien. Und ich male gern bei gewissen Melodien. Ich höre gern alte Musik. Alte Musiker sind streng wie 12-Ton-Musiker, aber noch lebendiger. Sie sind ebenso richtig. Meine Malerei ist wie eine Fuge.”

Zum Malen breitet Hollegha die grundierte Leinwand ohne Rahmen ganz plan auf den Boden. „Die Bauern glauben, daß ich im Atelier ganz hoch hinaufsteige und die Farbe runterleere - so eine Art Über-Nitsch”, sagt  er  und lacht..  Aber seine Malweise ist nicht aktionistisch, nicht informell. Tachismus ist, wenn man denn  schon eine braucht, die Schublade für Hollegha.

Dank eines Systems aus Latten und Brettern kann er sich auf dem und über das Bild bewegen. Aus den Malschüsseln schüttet er die Farbe exakt dorthin, wo er sie haben möchte,  kein aktionistisches Ausleeren, Drüberschütten, präzise steuert  Hollegha den Farbfluß und damit auch die Dynamik der Farbflecken, verwischt sie mit den Bäuschen,  harte Kanten, weiche Kanten, bis die Komposition  stimmt.

10 solcher  Großformate zeigt er im Museum Essl,  vier kommen aus der  museumseigenen Sammlung dazu.  Es ist lange her, daß er  so riesige  Bilder  ausgestellt hat,  beide Male in der Galerie der Akademie: 1981 in einer Einzelausstellung; und 1997, in der Abschiedsausstellung der Professoren, die damals alle in Pension gegangen sind: Hollegha, Mikl, Hundertwasser, Lehmden und Brauer ( Rainer ging übrigens aus gesundheitlichen Gründen schon ein Jahr früher)

25 Jahre hat Wolfgang Hollegha  eine Meisterklasse an der Akademie geleitet,   ist zwischen 1972  und 1997 jede Woche von Rechberg nach Wien und wieder zurückgependelt. Einige seiner Studentinnen und Studenten haben ihn  geradezu kulthaft verehrt, was er las, lasen auch sie: Kafka beispielsweise, Shakespeare-Dramen, Bernhard.  Was er an Musik hörte, hörten auch sie: alte Musik, Bach. Und was er in der Kunst(geschichte) schätzte, das schätzten auch sie: Van Eyck, Leonardo, Tizian, Velasquez, Surbaran und Goya, „die Klassiker eben: sie  sind auch abstrakt in ihrer Art, logisch,  vollkommen richtig und außerdem sehr ausdrucksstark.   Eine Zeitlang war ich  versessen auf Mondrian, weil der so richtig ist, aber dann bin ich draufgekommen, dass die großen alten Meister genauso richtig sind, aber bewegter, reicher”.

Überredet zur Professur haben ihn Fritz Wotruba und Josef Mikl. Beide lernte  er schon  während seines eigenen Akademie-Studiums kennen- und schätzen: Wotruba als Professor; Mikl als Studienkollegen.

Hollegha war nicht einer,  bei dem die Erwachsenen   schon im Volksschulalter künstlerische Begabung konstatiert hätten.  Im Gegenteil. Als ihn die Ziehmutter bei einem Besuch in Heiligenblut aufforderte, die Kirche zu zeichnen, verweigerte er das. Mit  vierzehn, fünfzehn malte er aufgehängte Hexen und   ab da wußte er, daß er Maler werden wollte. Er begann sein Studium  an der Kunstakademie gleich nach dem Krieg1947.  „Ich war damals  nah dem Lehmden und dem Brauer,  so boschartig, als ich an die Akademie gekommen bin. Aber technisch war ich nie so perfekt wie diese beiden. Dann hat mich Matisse fasziniert, dann Picasso. Und ein Jahr später ist der Mikl gekommen. Dann ist es richtig ernsthaft geworden. Mikl verdanke ich viel, er hat  mich sehr beeinflußt. Seine Arbeiten waren so logisch und so konsequent. Er hat einen Akt gezeichnet und da waren  gleich die Röhrenbilder: so richtig und so konsequent. Auch ich habe angefangen, Maschinenbilder zu malen. Aber dann hat der Mikl gesagt: Deine Maschinenbilder sind ja so menschlich”.

Studiert hat er    bei    Josef Dobrovsky, einem angenehmen Lehrer, „er hat uns alles machen lassen, was  wir wollten - auch wenn er’s nicht verstanden hat.”   Alfred Hrdlicka war übrigens Klassenkollege, schon damals war er gegen Abstraktion und für sozialistischen Realismus, Mikl habe  ihn deshalb immer den „Volksgesundler” genannt. „Und wir, die Abstrakten,  waren sozusagen die CIA-Maler, wegen der amerikanischen Abstraken  - obwohl, da war natürlich keine Spur von CIA und wenn das heute jemand zu mir sagen würde, wäre ich schon sehr bös.”

Richard Gerstl, von dem habe er profitiert - und, natürlich,  von Herbert Boeckl. Bei ihm habe er Aktzeichen gehabt, ein Pflichtfach zwischen fünf und sieben, neben Wotruba der geachtetste Leherer damals an der Akademie.

Es war eine spannende Aufbruchszeit; die Menschen  nach dem Krieg waren noch sehr vom Realismus angetan; über die Abstrakten wraen sie richtig empört, „sie sind mit Schirmen auf uns losgegangen”, erinnert sich Hollegha amüsiert.

„Mir hat das nichts ausgemacht. Auch die Mutter hat’s nicht verstanden. Nur die Großmutter, die hat mich immer verteidigt.”

Hollegha war  Mitglied der legendären „Hundsgruppe” und des nicht minder legendären „Art Club”;  gemeinsam mit Mikl, Markus Prachensky und Arnulf Rainer bildete er den  harten Kern der Galerie nächst St. Stephan.

Hier, im „Otto Mauer-Heiratsvermittlungsinstitut” (Hollegha),  lernte er damals auch seine zweite Frau Edda kennen. Die Sprachstudentin aus Salzburg jobbte  auf Vermittlung ihrer Cousine Kiki Kogelnik, ebenfalls einer St. Stephan-Künstlerin,  im Sekretariat der Galerie.

Seine Frau ist auch seine erste Kritikerin.   „Ich halte viel von ihrem Urteil. Wenn man fertig ist mit einem Bild, ist man ja oft  so mitgenommen, daß man Gefahr läuft, weiterzumalen und das Bild kaputt zu machen. Die meisten Bilder, die ich fertig habe, halte ich zuerst einmal für mißlungen. Heute weiß ich das schon und warte zumindest 10 Tage ab, bis ich wirklich ein Urteil fälle und womöglich das Bild zertöre. Früher habe ich drei Bilder gemacht und zwei  weggeworfen.”

Auf einer Autoreise durch Spanien - auf  dem Programm stand romanische Architektur - haben sie die Landschaft Nordspaniens für sich entdeckt;  vor zwölf Jahren haben sie hier ein Haus  - „was heißt: Haus - einen  Steinhaufen” gekauft: älter noch  als ihr Haus in Rechberg, und noch archaischer;  in einer verlassenen  Gegend; Felsen sind dort und dicke, schöne Edelkastanien, Objekte, die Hollegha so lange anschaut, bis er ihre Bewegung, ihre Dynamik, ihre innere Logik wahrnimmt und zeichnet.  Dort leben die Holleghas im Frühjahr und im Herbst . Im Sommer aber,  da möchte Wolfgang Hollegha wieder  daheim  sein, in seinem  Atelierhaus, um seine großformatigen Bilder malen. Im Winter braucht er den  Schnee und die Stille auf dem Rechberg.  Und die Bücher. Zum Beispiel von dem spanischen Dichter Francisco de Quevedo, einem Zeitgenossen von Velasquez, den Hollegha besonders schätzt:

Und als wir zu einem äußerst finsteren Kerker kamen, hörte ich einen großen Lärm von Ketten und Fußfesseln, Peitschenhieben und Schreien. Ich fragte einen von denen, die sich dort aufhielten, um was für einen Ort es sich handle, und sie sagten mir, dass es das Verlies der „O hätte man doch!” wäre. “Ich verstehe nicht”, sagte ich. „Wer sind die ,O hätte man doch´?Er sagte sogleich darauf: Es sind törichte Menschen, , die auf der Erde schlecht lebten, und sie verurteilten sich, ohne es zu verstehen, und jetzt hier sagen sie in einem fort: O wäre man doch zum Gottesdienst gegangen! O hätte man doch geschwiegen! O hätte man doch etwas für den Armen getan! O hätte man doch nicht gestohlen.”

Nein: Wolfgang Hollegha ist kein „O hätte man doch”. Er geht seinen Weg, unbeirrt von vermeintlichen Zwängen und künstlerischen Moden.

Und seine Bilder werden Zeit und Moden überdauern - mehr kann ein Künstler nicht erreichen.



einen Kommentar hinterlassen


Powered by Wordpress 2YI.net Web Directory

Copyright © 2007 Andrea Schurian | All Rights Reserved | WP 2.5.1 | page loaded in 0.62 Sekunden | Reworked & translated by Frank Haensel