Maria Lassnig: “Ich weiß um die Flüchtigkeit von Prominenz” | Andrea Schurian Schurian,Andrea+Schurian,

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08
Sep

Maria Lassnig: “Ich weiß um die Flüchtigkeit von Prominenz”

“Ich war nie jung”, sagt Maria Lassnig: “Und bin jetzt nicht alt.” - Österreichs bedeutendster Künstlerin zum 90. Geburtstag

Ironisch und selbstironisch, bitterböse, sehnsuchtsvoll und abgeklärt. Jugendfrisch und altersweise. Alles. Nur altersmilde oder gar sentimental ist nichts. Nicht die Kunst. Nicht die Künstlerin.

Lehnstuhlbilder nennt Maria Lassnig ihre aktuellen Zeichnungen, die sie im Sommer in der Ruhe ihres Kärntner Ateliers gemacht hat: im Sitzen, weil das lange Stehen beschwerlich ist. Obwohl, das mit der Ruhe war heuer so eine Sache, abgesehen von ihrem zweiwöchigen Spitalsaufenthalt wegen einer schweren Darmentzündung. Stürme haben der Reihe nach die Bäume rund um die ehemalige Schule am Berg umgeworfen, dazu jede Menge Regen, “und jetzt steht das Haus ganz nackert da, und ich habe Angst, dass es abrutscht” .

Außerdem wollte ihr der Feistritzer Bürgermeister die Ehrenbürgerschaft verleihen, doch das habe sie dankend abgelehnt und ihn gebeten, “dass er mich vor den Fallenstellern rettet, die ums Haus herumschleichen und alle Tiere ausrotten”. Kleintiere, sagt sie, gibt es in dieser Gegend nur mehr als ausgestopfte Exemplare. Wehmütiges Kunstobjekt in ihrer Küche: Erinnerungskreuz für Rehe.

Ja, und dann war heuer wegen des runden Geburtstags doch auch ein ziemliches Besucheraufkommen. Kamerateams, Journalisten, Galeristen, Museumsleute, Freunde. Wobei: Geburtstag, gut und schön, und danke für die Glückwünsche, aber: “Das Alter! In Österreich wird man als Frau und Künstlerin damit abgestempelt. Doch ich habe die Jahre nie gezählt. Ich war nie jung. Und bin jetzt nicht alt.” Also muss man deshalb immer das Alter dazusagen?

Geboren wurde Maria Lassnig in Kappel in Kärnten als lediges Kind und dass sie mit ihren Körperbewusstseinsbildern einmal Österreichs bedeutendste Künstlerin werden sollte, war ihr nicht von klein auf vorgegeben. Zwar kopierte sie bereits im Alter von sechs Jahren alte Meister, doch die Mutter plädierte fürs Heiraten: “Sicherheit durch den Ehemann. Und ich, ich bin damals halt einfach dahingetrottet wie ein junges Kalb.” Also unterrichtete sie zuerst an einer kleinen Volksschule im Metnitztal, ehe sie 1941 zur Aufnahmsprüfung an die Akademie nach Wien radelte. Nur zwei Jahre später musste sie Wilhelm Dachauers Klasse wieder verlassen: Der forcierte einen heimattümelnden Realismus, Lassnigs Bilder galten als “entartet” . Das Studium schloss Lassnig bei Ferdinand Andri und Herbert Boeckl ab. Sie malte die geliebte Mutter - “Ich war ein richtiges Mutti-Kind. Wie sehr ich sie gebraucht habe, habe ich erst gemerkt, nachdem sie gestorben war” - und erste Selbstporträts, die bereits ihr künstlerisches Lebensprinzip erkennen lassen: die Suche nach einer Realität, die, wie sie sagt, “mehr in meinem Besitz ist als die Außenwelt” .

In einem einsamen, aber nie abbrechenden Dialog mit sich selbst ertastet Maria Lassnig seither ihre Identität, gibt ihren Körpergefühlen, Körperempfindungen äußere Form. Sie trete, sagt sie, gleichsam nackt vor die Leinwand, ohne Absicht, ohne Planung, “doch habe ich einen Ansatzpunkt, der aus der Erkenntnis entsteht, dass das einzig mir wirklich Reale meine Gefühle sind, die sich innerhalb des Körpergehäuses abspielen” .

Später wird sie von dieser Innenarchitektur immer wieder Brücken zur Außenwelt schlagen, wird die körperlichen Empfindungen mit ihren Erfahrungen in und mit der Welt in Beziehung setzen, die großen philosophischen Themen wie Tod, Liebe, Vergänglichkeit mitfühlen, im eigenen Leib spüren. “Ich fange mit Körpererfahrung an. Dann kommen existenzielle Fragen hinein: das Krankenhaus. Die von Menschen malträtierte Natur. Krieg. Ich male die Summe meiner Zustände.”

1968, nach Aufenthalten in Paris, reist sie mit dem Schiff nach New York; tagsüber malt sie, abends sitzt sie am Tricktisch: “Das lag damals in der Luft. Jeder hat Filme gemacht. Es gab richtige Eifersüchteleien zwischen Malern und Filmemachern. Das verstehe ich gut. Ich bin ja auch auf die Fotografie eifersüchtig. Sie braucht weniger Plage und hat größere Wirkung.”

Lassnig engagiert sich, gemeinsam mit Künstlerinnen wie Louise Bourgeois, in der Artists Women’s Lib. “Ich glaube, jede nachdenkliche Frau ist Feministin”, sagt sie. “Man hat einer Frau nie so viel geglaubt wie einem Mann, sondern gesagt, nach der Tradition wird die sowieso heiraten. Kinder und Malerei, das wäre - für mich jedenfalls - unmöglich gewesen. Aber es tut mir um jeden Kuss leid, den ich nicht gegeben habe. Deshalb bin ich manchmal zu Tränen gerührt, wenn mich ein Kind streichelt. Oder eine Katze mich umstreicht.”

1980 kehrt sie nach Österreich zurück. Der Grund: Ihre Berufung an die Hochschule für angewandte Kunst. Mit 61 Jahren wird Maria Lassnig die erste Professorin an einer Kunstuniversität im deutschsprachigen Raum, ein künstlerischer und persönlicher Triumph.

Trotzdem sehr beschissen

Es folgen Biennale, zweimal Documenta, Ausstellungen in den Kunstzentren Europas und den USA. Weltruhm. Österreich ehrte sie (als erste bildende Künstlerin) 1988 mit dem Staatspreis und zehn Jahre später mit dem Kokoschka-Preis, Frankfurt mit dem Beckmann- und Zürich mit dem Roswitha-Haftmann-Preis. Viel Öffentlichkeit für eine zurückgezogene, bescheidene und äußerst introvertierte Künstlerin, die dem gesellschaftlichen Geklingel wenig Wert beimisst, denn “ich weiß um die Flüchtigkeit von Berühmtheit und Prominenz” . Oder, wie sie schon 1943 in ihr Tagebuch schrieb: “Alles gut und schön - und trotzdem sehr beschissen.”

 

 



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