Annette Raffalt: “Raus aus dem Pubertätsgemecker” | Andrea Schurian Schurian,Andrea+Schurian,

Andrea Schurian

Kunst Kultur Kommentare Kolumnen


XML Feed


14
Nov

Annette Raffalt: “Raus aus dem Pubertätsgemecker”

Die Schwester des Burgchefs im Interview

Wien - Probenstress? Einerseits ja, immerhin dirigiert Annette Raffalt zurzeit neben Profis auch ein fliegendes Haus und 35 Kindermäuschen zwischen sechs und acht über die Bühne. Andererseits ist Lyman Frank Baums fantastische Geschichte vom Zauberer von Oz nicht ihre erste Regiearbeit mit Kindern; seit fast zwanzig Jahren macht sie gemeinsam mit ihrem Mann Peter Raffalt Theater für Kinder, hat Die rote Zora inszeniert, Ronja Räubertochter, Peter Pan, Emil und die Detektive. Und nun eben den Zauberer, den Peter Raffalt gemeinsam mit Klaus Missbach für die Burg bühnenfein geschrieben hat.

Außerdem geht, weil Annette Raffalt es so will, einmal pro Monat im Vestibül die Sause ab: Da wird in der SchauSpielBar gerockt, gerappt, improvisiert, gespielt und geplaudert. Und für ein einjähriges Theaterpraktikum meldeten sich fast 500 junge Menschen, zwölf wurden aufgenommen.

Nach Jahren in der freien Szene ist Annette Raffalt ihrem Bruder Matthias Hartmann von Bochum über Zürich bis nach Wien gefolgt, ganz schön viel Umzüge übrigens für jemanden, der eigentlich lieber sesshaft wäre.

Raffalt: Ich weiß nicht, ob es mein Alter ist oder Wien: Hier bin ich wirklich glücklich. Die Menschen, die ich kennenlerne, freuen sich, dass es an der Burg endlich wieder ein Kindertheater gibt. Und die SchauSpielBar für die Jugendlichen hat ja eingeschlagen wie eine Bombe.”

Standard: Wie sind die Oz-Proben? Haben die Schauspieler keine Angst, dass ihnen die Kinder die Show stehlen?

Raffalt: Nein, gar nicht. Es ist eine großartige Crew. Einige haben selber Kinder und sind pädagogisch richtig begabt: Marcus Bluhm und Juergen Maurer beispielsweise. Da merkt man, dass sie so denken können, so verspielt sind und Spaß haben können wie Kinder.

Standard: Baums Zauberer ist ja sehr komplex. Wodurch unterscheidet sich Ihre Fassung vom Film?

Raffalt: Wir haben sie ein bisschen verändert. Dorothy ist nicht sechs, sondern ein zwölfjähriges Mädchen, das schon rotzfrech wird. Und anstrengend. Sie macht eine Reise in eine fiktive, eine Art Harry Potter-Welt, um aus diesem pubertären Genöhle und Gemecker rauszukommen und sich weiterzuentwickeln. Der Strohmann, der seinen Verstand sucht, zeigt ihr, den Kopf zu gebrauchen. Vom Blechmann, der sein Herz sucht, lernt sie, mit ihren Gefühlen umzugehen. Und Selbstvertrauen gewinnt sie mit dem Löwen, der mutig werden will. Die Aussage ist: Alles geht gut, wenn du zu dem stehst, was du bist.

Standard: Wodurch unterscheidet sich die Arbeit mit Kindern von jener mit Profis?

Raffalt: Die Profis wissen, was sie tun, sie bieten etwas an. Die können ihren Job. Bei Kindern muss man pädagogisch arbeiten: Theater als Medium dafür, dass sie selbstbewusster werden, sprechen lernen. Es geht ja nicht nur darum, Jugendliche dazu zu bringen, Schauspieler zu werden.

Standard: Sondern?

Raffalt: Theaterspielen ist Teamarbeit. Es verbindet Kinder und Jugendliche, auch wenn sie sich ganz fremd sind und aus den unterschiedlichsten Ecken kommen, zu einer gut funktionierenden Gruppe. Man braucht Mut, ins kalte Wasser zu springen. Sich auf die Bühne zu stellen, etwas zu sagen. Das wird in der Improvisation und bei der Arbeit geprobt. Und schließlich lernen die Kinder, Kritik anzunehmen: dass nämlich Kritik nicht immer bedeutet, etwas nicht zu können.

Standard: Kinderbuchautoren wird oft nicht so viel Wertschätzung zuteil wie Kollegen, die für Erwachsene schreiben. Ist das am Theater ähnlich?

Raffalt: Das zeigt man mir persönlich nicht so, es ist mir aber auch egal. Dafür, dass ich mich nicht eingliedern muss in die ganz normale Theaterwelt, in den Theateralltag, nehme ich das liebend gerne in Kauf. Dass mein Ruf vielleicht nicht so wichtig ist wie der von einem Regisseur wie Jan Bosse, stört mich nicht. Nur für die Schauspieler finde ich es schade, dass die internationale Presse nicht kommt, wenn sie Kindertheater spielen. Denen macht das ja wahnsinnigen Spaß. Andererseits brauchen sie als Schauspieler die Öffentlichkeit. Deshalb steht es vielleicht für manche infrage, Kindertheater zu spielen oder nicht.

Standard: Haben Kinder, die selbst spielen, als Publikum mehr Respekt vor schauspielerischen Leistungen?

Raffalt: Das ist natürlich ein wichtiger Punkt, warum die Burg so etwas fördert: Weil die Kinder mit einer anderen Haltung ins Theater gehen und im besten Fall als Erwachsene wiederkommen.

Standard: Wann haben Sie sich entschlossen, mit Kindern zu arbeiten?

Raffalt: Ich war an der Schauspielschule und habe sehr früh meine erste Tochter bekommen. Da war ich erstmal etwas verunsichert. Andererseits wollte ich schon immer etwas mit Pädagogik machen und dachte mir, dann krieg ich lieber gleich ein zweites Kind, und danach kombiniere ich beides: Pädagogik und das Theater.

Standard: Was ist für Sie das Besondere an dieser Kinder-Arbeit?

Raffalt: Alle paar Jahre sind die Kinder anders, ich muss mich umstellen und jedes Mal neu lernen, wie die denn ticken. Das ist für mich eine wichtige und große Bereicherung. Andererseits muss ich auch wieder nicht zu pädagogisch bleiben, sondern bin in der Theaterwelt verankert. Das heißt, ich kann wirklich künstlerisch arbeiten, kreativ bleiben. Und dabei auch bis an meine Grenzen gehen. Insofern ist mein Beruf schon genial.

Standard: Ist es nicht schwierig, ausgerechnet an jenen Theatern zu arbeiten, an denen der Bruder Direktor ist?

Raffalt: Nein, ich bin da ganz naiv hingegangen und habe weder an die Vor- noch an die Nachteile gedacht. Mich beeindruckt eher die Größe des Burgtheaters. Das ist eine wirkliche Herausforderung, das gibt mir Druck. Egal, wer mein Bruder ist: Wenn ich etwas mache, muss ich es gut machen.

(DER STANDARD/Printausgabe, 14./15.11.2009)

 

 

 



einen Kommentar hinterlassen


Powered by Wordpress 2YI.net Web Directory

Copyright © 2007 Andrea Schurian | All Rights Reserved | WP 2.5.1 | page loaded in 0.52 Sekunden | Reworked & translated by Frank Haensel