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13
Dez

Claudia Schmied: Kulturpolitische Abschlussrechnung

Mitunter formulierte Claudia Schmied eher esoterisch: Es gehe um das Ich im Wir und das Wir im Ich. “Daher ist Vertrauen wichtig.” Dieses Vertrauen wurde im Laufe ihrer Amtszeit nicht mehr, sondern weniger. Mitunter zu Recht. Oft ungerechterweise. So bemühte sie sich redlich, ihr Image als Bankerin ab- und sich eines als Kunstversteherin und Kulturexpertin zuzulegen.

Gut, ihren euphorischen Ausruf, der Opernball sei das Kulturgut des Landes, auf das wir alle “einfach stolz” sein sollten, wird man irgendwann gnädig vergessen, auch die eher mäßig brillanten Reden und kulturpolitischen Analysen der zurückgetretenen Unterrichts- und Kulturministerin werden den Kulturschaffenden nicht weiter fehlen. Sie neigte zu freudig erregten Superlativen, etwa wenn sie den österreichischen Biennale-Teilnehmer Mathias Poledna zur “Hauptperson des Jahres 2013″ erklärte.

In Erinnerung bleiben wird sie als integre, im persönlichen Gespräch gewinnende Politikerin. Das ist in dem Korruptionssumpf der österreichischen Innenpolitik schon allerhand, bedeutet allerdings nicht unbedingt, dass in der Kulturpolitik maßgebliche Akzente gesetzt worden sind.

In Erinnerung bleiben wird sie aber vor allem für ihre, sagen wir, eher unkonventionellen und extravanten Personalentscheidungen. Dabei hielt sie viel auf ihr Bauchgefühl und wenig von Findungskommissionen. Sie habe, begründete sie im STANDARD ihre intransparenten Ernennungen, ein Telefon und ein funktionierendes Netzwerk und hole inoffiziell Informationen ein. Internationaler Standard ist das nicht wirklich.

Oft hatten sich die Kandidaten gar nicht - oder erst auf ministerielle Aufforderung hin - beworben. Mak-Direktor Christoph Thun-Hohenstein zählte nicht zu jenen 58 Interessenten, die sich offiziell und mit Konzept für die Nachfolge Peter Noevers beworben hatten.

Er habe, bekannte Thun-Hohenstein, Schmied in persönlichen Gesprächen von seinen Zukunftsvisionen für das Mak überzeugen können. Die Neubesetzung der Mumok-Direktion verlief ähnlich: Schmied ließ die teils hochkarätigen Bewerbungen links liegen und verfügte sich auf einen sechstündigen Beobachtungsposten nach Baden-Baden. Das reichte ihr, um in Karola Kraus die ideale Köb-Nachfolgerin zu entdecken.

Und hätte es eines Beweises für die mangelnde Durchsetzungskraft ihres damaligen Chefs Alfred Gusenbauer bedurft: Kaum jemand lieferte den Bundeskanzler so gnadenlos der Häme aus wie Claudia Schmied, als sie statt des Gusenbauer-Favoriten Neil Shicoff das Führungsduo Dominique Meyer und Franz Welser-Möst an der Wiener Staatsoper installierte - und deren Verträge mittlerweile bis 2020 (Meyer) beziehungsweise 2018 (Welser-Möst) verlängerte.

Überhaupt bevorzugte sie freihändige Vertragsverlängerungen, einige Museums- und Theatdirektoren und Kulturmanager werden, Schmied sei Dank, 20 Jahre und mehr im Amt gewesen sein, wenn sie dereinst direkt vom Posten in die verdiente Pension gleiten werden.

Oft mangelte es ihr am Gespür fürs Wesentliche: So war sie rund um Pfingsten 2012 weder in Cannes, wo gleich zwei österreichische Filme im Bewerb liefen - neben Ulrich Seidls “Paradies Liebe” auch Michael Hanekes “Amour”, der dafür bekanntlich mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde -, noch besuchte sie die Pfingstfestspiele in Salzburg, die erstmals unter der künstlerischen Leitung von Cecilia Bartoli stattfanden.

Und apropos Salzburg: Statt in die viel- und mitunter einfältigen Trauerspiele der Salzburger Festspiele (auch, aber nicht nur) rund um Alexander Pereira beherzt einzugreifen und kulturpolitische Haltung zu beweisen, überließ sie die Bühne Provinzpolitikern und Ortshäuptlingen und versteckte sich hinter ihrer Sektionschefin Andrea Ecker.

Der Künstlersozialversicherung mangelt nach wie vor der soziale Aspekt, Künstlerinnen und Künstler leben auch nach Schmieds sechsjährigem Wirken zu mehr als einem Drittel weit unter dem Existenzminimum.

In der kulturpolitischen Abschlussrechnung kann sie auf der Habenseite sie verbuchen, dass sie ums Budget verbissen kämpfte und deshalb auch keine Streichorgien hinnehmen musste; und dass sie zwecks jugendlicher Frühförderung eines zumindest rudimentären Kulturbewusstseins den Gratis-Museumseintritt einführte. Vermutlich auch deshalb liebte sie die publikumswirksamen (und finanzintensiven) Infrastrukturprojekte wie die Wiedereröffnung der Kunstkammer im Kunsthistorischen Museum, wofür sie 15 Millionen Euro aus dem Kulturbudget beisteuerte; oder die Adaptierung des 21er Hauses als Belvedere-Außenstelle.

Sie selbst habe nun interessante berufliche Angebote, weshalb sie sich aus der Politik zurückziehen wolle, verkündete Schmied am Montag. Es heißt, sie habe Interesse, Georg Springers Nachfolge als Bundtheatergeneralin anzutreten. Viel mehr spannende Jobs im Ö-Kulturbereich sind dank ihrer eigenen Verlängerungspolitik derzeit auch nicht vakant. ( derStandard.at, 30.9.2013)



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