Arnulf Rainer: “Ich möchte andere Kunst in mich hineinfressen” | Andrea Schurian Schurian,Andrea+Schurian,

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19
Okt

Arnulf Rainer: “Ich möchte andere Kunst in mich hineinfressen”


  • Vielleicht, sagt Arnulf Rainer, werde er ja mit neunzig einen Zugang zum Idyllischen haben. Aber jetzt noch nicht. Gut, schöne Frauen übermalt er schon gern, lieber als Männer jedenfalls. Und nein, das sei keine Frage des Alters, er könne einfach Frauengesichter und deren bewusste und unbewusste Mimik besser lesen. Doch “Katastrophen sind für Künstler oft interessanter als die Idylle. Die regen mehr auf, und diese Erregung leitet sich um in die grafische Betätigung.”
  • Auf einem Pariser Flohmarkt stöberte er die historischen Rohmaterialien für jene Übermalungen auf, die nun in dieser Jubiläumsausgabe des STANDARD erstmals in Österreich zu sehen sind. Zieht man eine Ausstellung im Bukarester Regierungsbezirk ab, die unter Ausschluss jeglicher Öffentlichkeit stattfand, ist es genau genommen sogar Weltpremiere für Rainers Katastrophen- und Unglückszyklus.

    Er ver- und umhüllte mit seinen Farbvorhängen brennende Häuser, Automobil- und Fahrradunfälle, Wirtshausschlägereien, Hochzeiten und Todesfälle, Mordopfer, Zugunglücke und Polizeieinsätze: Alltagstragik aus einer Zeit, wo es keine Pressefotografen gab, sondern lithografische Schnellzeichner. Rainer wurde in Le Petit Parisien und Le Petit Journal fündig, die beiden Blätter waren zur vorvorigen Jahrhundertwende Marktführer der französischen Presselandschaft, und, wie Rainer verrät: “Unter uns gesagt, eher Kronen Zeitung als STANDARD.”

    Rainer, künstlerischer Serientäter, Meister der kleinen Formate: “Ich arbeite immer an mehreren Bildern gleichzeitig. Das geht bei Großformaten nicht. Natürlich habe ich auch Altershandicaps, ich kann mich nicht mehr so verausgaben, weil meine Wirbelsäule schon sehr fragil ist.”

    Nimmermüder Künstler

    Aber je älter er wird, sagt er, umso mehr und umso intensiver arbeitet er. Urlaub? Viel zu anstrengend! Zwar verbringt er seit 15 Jahren die Wintermonate auf Teneriffa, weil er in Österreich im Winter in Melancholie versinke: “An der Costa Adeje herrscht ein frohsinniges Wetter. Dort kann ich meiner Sehnsucht nach Arbeit nachgehen und auf der Terrasse malen.” Den Rest des Jahres lebt der nimmermüde Künstler zurückgezogen auf einem Vierkanthof in Oberösterreich. “Das hat den Vorteil, dass ich dort als mein eigener Hausknecht herumgehen kann, mit Arbeitskleidung und verschmutzt, wie das halt meine Arbeit nach sich zieht. Und es kommt niemand, vor allem nicht unangemeldet.”

    Freilich lassen sich Besuche von Museumsdirektoren, Galeristen oder Kuratoren nicht vermeiden. Dann treffen Rainers Frau und Managerin Hannelore Ditz oder seine Tochter Klara gemeinsam mit den Ausstellungsmachern die Bildauswahl.

    Längst hängt Rainer in den wichtigsten Museen weltweit, 1989 hatte er als erster und einziger lebender österreichischer Künstler eine Soloshow im New Yorker Guggenheim-Museum. Die Pinakothek der Moderne in München ehrt den Träger des Großen Österreichischen Staatspreises und mehrmaligen Documenta- und Biennale-Teilnehmer mit einem eigenen Arnulf-Rainer-Saal, nächstes Jahr wird die Albertina eine umfangreiche Retrospektive zu seinem 85. Geburtstag zeigen. Und 2009 wurde im ehemaligen Frauenbad seiner Geburtsstadt Baden bei Wien ein Rainer-Museum eingerichtet: würdiger Ort für ein vielfältiges Werk.

    Bildhungriger Über-Maler

    Rainer beschäftigte sich mit der Kunst Geisteskranker, schluckte unter ärztlicher Aufsicht LSD und stellte 1957 erstmals seine Kruzifikationen aus. Doch das künstlerische Lebensthema des Autodidakten ist die Überarbeitung zunächst eigener, später fremder Bilder beziehungsweise von deren Faksimiles. Beim eigenen Werk sei es das Erkennen der Unvollkommenheit: “Ich sehe immer die Lücken in meinen Bildern. Ich bin auf Lücken fokussiert wie ein Zahnarzt.” Bei den Alten Meistern aber gehe es nicht darum, die Vorlage zu verbessern: “Ich kann nicht besser sein als die Großen der Kunstgeschichte. Es ist eine Aneignung. Ich bin”, bekennt er, “immer bildhungrig. Ich möchte andere Kunst in mich hineinessen.”

    Für den STANDARD übermalte er Fotos wichtiger Momente und Persönlichkeiten: “Ich schaue mir das Porträt an, wo es mich juckt, fahre ich mit dem Pinsel drüber.” Nur Politiker nicht, zumindest nicht für die Zeitung: “Da steht die Person zu sehr im Vordergrund. Man kann sie veräppeln. Aber ich bin kein Karikaturist.” Und der Papst? “Wenn er mich selbst drum bittet, würde mich das schon motivieren. Obwohl: Je höher einer ist, umso mehr glaubt er, dass er’s geschenkt kriegt.” ( DER STANDARD, 19.10.2013)

    

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