Arash T. Riahi: Leben auf der Flucht. Über den Film “Ein Augenblick Freiheit” | Andrea Schurian Schurian,Andrea+Schurian,

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09
Jan

Arash T. Riahi: Leben auf der Flucht. Über den Film “Ein Augenblick Freiheit”

Zum Beispiel war da diese Schachtel mit 60 Super-Acht-Filmrollen, private Reisesouvenirs eines Unbekannten, die Arash Riahi Mitte der 1990er-Jahre auf dem Flohmarkt gefunden und in der Folge in öffentlich-rechtliche Kunst-Stücke filetiert hatte. Damals nannte er sich nachnamenlos ARASH, machte als Videokünstler und Experimentalfilmer die Kunst-Stücke, ja, kunststückiger; sicher auch chaotischer.

Sendetermin 23 Uhr? Konnte sein, dass er ein “Hallo Freunde, keine Sorge, es wird knapp, aber es wird!” durchs Telefon lächelte und am Film weiterwerkte, bis alles so flackerte und flimmerte, wie er es wollte. “Ich verstehe zwar nicht immer, was er uns da sagen will. Aber ich verstehe: Es ist Kunst”, hatte Wolfgang Lorenz, damals ORF-Kulturchef, treffend bemerkt, als wieder einmal Bild und Ton wie trunken, aber grenzgenial, über den Bildschirm taumelten. Dann wurden die Kunst-Stücke eingestellt; und aus dem TV-Video-macher ARASH wurde der vielfach ausgezeichnete Kinofilmemacher Arash T. Riahi.

Und der wollte zunächst einmal genauer wissen, wer denn wohl dieser unbekannte Hobbyfilmer gewesen sein mag, dessen Material er zufällig aufgestöbert hatte. Die Souvenirs des Herrn X war seine erste Kinodokumentation, eine bezaubernde Liebeserklärung an die Amateurfilmwelt.

Arash Riahi ist ein Spurensucher. Ein Fährtengeher. Einer, dem es gelingt, das Alltägliche im Besonderen zu entdecken: mit behutsamer Beharrlichkeit. Vor allem aber mit großem Respekt vor den Lebensläufen seiner Protagonisten. Das mag mit seiner eigenen Biografie zu tun haben: Seit 1982 lebt er in Wien, machte während der Schulzeit erste, teils ausgezeichnete Kurzfilmversuche, begann ein Medizinstudium, wechselte bald zu Film- und Geisteswissenschaften. Geboren aber wurde er im August 1972 in Isfahan; sein Vater, ein linksintellektueller Schah-Gegner, musste fünf Jahre ins Gefängnis.

Rückblicke an eine schreckliche Zeit verkommen mitunter zu abenteuerlichen Superheldengeschichten, er aber erinnert sich eher die kleinen, fast unspektakulären Begebenheiten; etwa an die monatlichen Besuchsfahrten zum inhaftierten Vater, 600 Kilometer von Isfahan nach Teheran und zurück. Oder daran, dass sie unter dem Schah-Regime Bücher vergraben und eingemauert hatten: “Ich habe noch diesen Modergeruch in der Nase, als wir sie wieder ausgegraben haben.”

Wenig später verbrannte der Vater die Bücher unter Tränen selbst; die islamische Revolution hatte die Hoffnung auf die ersehnte Wende nicht erfüllt. Zwei Onkel wurden hingerichtet. “Meine Mutter war schwanger, als sie eingesperrt wurde und mithören musste, wie man sich darüber unterhielt, ob man sie gleich hinrichten sollte, da doch auch das ungeborene Kind bereits den Keim des Antiislamismus in sich trägt.” Es blieb ein Leben im Untergrund - “anstatt in die Schule ging ich mit meinem Vater ins Kino. Vielleicht rührt daher meine große Begeisterung für den Film” - und als letzter Ausweg die Flucht.

Versprengte Großfamilie

In seiner mehrfach ausgezeichneten Kinodokumentation Exile Family Movie porträtierte er seine politisch wie geografisch in alle Richtungen versprengte Großfamilie: Einige Verwandte waren im Iran geblieben, andere in die USA oder nach Europa emigriert. Ein Wiedersehen gab es an einem unverdächtigen Ort: in Mekka.

Es war einmal meine Heimat, nannte Arash Riahi übrigens seine erste filmische Identitätssuche. “Heimat ist dort, wo man wohnt”, ließ er in dem kurzen Filmfragment sein Alter Ego, einen kleinen iranischen Buben, geradezu trotzig sagen. Aber: Wo darf man wohnen, wenn einen das Land, in dem man geboren wurde, töten will? Wie gelangt man in diese neue Heimat? Und: Wie und wo ist das Niemandsland zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen alter und neuer Heimat, zwischen Hoffnung und Verzweiflung? Genau diese bange Zwischen-Zeit der Flucht schildert Arash Riahi einfühlsam in seinem Spielfilm Ein Augenblick Freiheit, der einen lachen und sehr oft weinen macht.

Seit der Uraufführung im August 2008 beim Montreal World Filmfestival, wo er den Golden Zenith für den besten Spielfilm-Erstling erhielt, wurde der Film mit dreizehn internationalen Preisen ausgezeichnet und von der Kritik mit Lob überhäuft. Eine beachtliche Erfolgsgeschichte also, nur die Jury des Österreichischen Filmförderungsfonds hatte die Drehbuchsubvention seinerzeit abgelehnt.

“Der damalige stellvertretende Direktor hat mich ermutigt, weiterzuschreiben - auf eigene Kosten”, an die 20.000 Euro investierte Arash Riahi über all die Jahre aus eigener Tasche für Recherchen, Reisen, Drehbuchseminare, sein Geld verdiente er sich unterdessen mit Werbespots, weil: “Lieber mach ich eine Nudelreklame als Abstriche beim Film.” Er schrieb das Drehbuch immer wieder um und begeisterte schließlich sogar Hollywood-Großmeister Sidney Pollack mit Drehbuchfassung Nr. 12. Auch die iranische Community sei zufrieden: “Das ist gar nicht so einfach. Denn es gibt ja nicht die Iraner. Da gibt es Linke, Rechte, Schah-Anhänger, Islamisten, Atheisten, solche, die fliehen mussten, und solche, die mit einem Touristenvisum ausreisen konnten. Mein Film ergreift keine Partei. Es gibt keine Schuldzuweisungen. Es geht um Demokratie und die universelle Sehnsucht, seine Lebensträume in Freiheit verwirklichen zu können.”

Kampf um Würde

Wie das iranische Ehepaar mit seinem Sohn; die zwei jungen Männer mit zwei kleinen Kindern; der Kurde und der Farsi-Lehrer: Sie alle stranden nach ihrer Flucht in der gleichen miesen Hotel-Abzocke in Ankara, ehe sie weiterreisen dürfen - in ein neues Leben. Oder zurückgeschickt werden - womöglich in den Tod. Von ihrem täglichen Kampf um Würde und Anerkennung, von kleinen Augenblicken der Freiheit erzählt Arash Riahi. Er tut dies mit unglaublicher Poesie und weiser Heiterkeit. Und mit (teils Laien-)Darstellern, großartig allesamt, die wissen, was der Film verhandelt, waren doch die meisten ebenfalls einmal auf der Flucht.

“Ich konnte natürlich viele eigene Erfahrungen und Erinnerungen einbringen”, sagt Arash Riahi. “Und ich habe an der türkisch-iranischen Grenze mit vielen Flüchtlingen gesprochen, um herauszufinden, was sich seit damals verändert hat.”

Damals, das war, als er, gerade einmal neun Jahre alt, mit den Eltern über Gebirge und durch eisige Schneestürme zu Fuß, auf Pferden, von Schleppern geführt, in die Türkei flüchtete - wie im Film der kleine Kian mit seinen Eltern. Seine jüngeren Geschwister Azadeh und Arman mussten bei den Großeltern zurückbleiben; erst ein Jahr später gelangten sie - wie die beiden Film-Kinder - mit ihrem 20-jährigen Cousin und dessen Freund über denselben beschwerlichen Fluchtweg in die Türkei und schließlich nach Wien zu ihren Eltern.

“Es ist unglaublich: Meine Eltern kamen völlig mittellos und ohne die Sprache zu können in Österreich an und haben es geschafft, eine Existenz aufzubauen, sodass wir Kinder nie das Gefühl hatten, es fehlt uns an etwas. Der Film ist eine Hommage an sie und ihresgleichen. Und an Millionen Flüchtlinge auf der ganzen Welt.”

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.1.2009)



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