Paulus Manker: “Wennst nix kannst, musst die Papp’n halten” | Andrea Schurian Schurian,Andrea+Schurian,

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05
Okt

Paulus Manker: “Wennst nix kannst, musst die Papp’n halten”

Nun also, neben und nach „Alma – A Show Biz ans Ende“, Karl Kraus: „Die letzten Tage der Menschheit“: Die Serbenhalle in Wiener Neustadt soll in den nächsten Jahren zum Marstheater werden. Wenn alles klappt wie von Paulus Manker geplant, soll jährlich ein Teil und im Gedenkjahr 2019, hundert Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs, erstmals das gesamte Mammutdrama aufgeführt werden.

250 Rollen und unzählige Szenen wird Manker, die Rabiatperle unter den heimischen Regisseuren, letztendlich dirigieren und koordinieren. Dann wird er wieder mit Megaphon durch die Hallen eilen, kontrollieren, animieren, adjustieren. Dem Zufall überlässt der Sohn des langjährigen Volkstheaterdirektors Gustav Manker und der Schauspielerin Hilde Sochor nichts, Ungenauigkeit macht ihn unrund, unaufmerksames Publikum allerdings ebenso. Bei Aufführungen seiner Erfolgsproduktion „Alma“, die soeben triumphal ihren 20. Geburtstag feierte, kann es schon passieren, dass er handgreiflich wird, wenn das Publikum stört.Ich habe Sie beobachtet, wie Sie bei Alma einer Zuschauerin das Handy unsanft entrissen haben. Sind Sie da tatsächlich wütend – oder ist das Teil der Selbstinszenierung?

MANKER: Das Publikum hat ja bei uns alle Freiheiten, kann sich bewegen, mitten unter uns in der Dekoration sitzen, Requisiten angreifen, es darf alles – nur stören darf es nicht! Ich kann ja nicht mit jedem zu verhandeln beginnen, dessen Handy plötzlich läutet. Und dann gibt’s welche, die gehen da auch noch dran – zwanzig Zentimeter neben den Schauspielern! Denen wird natürlich das Handy abgenommen und durchs geschlossene Fenster entsorgt. Interessanterweise sind es nie junge, sondern immer ältere Leute, vor allem Frauen, die berühmten „Schastrommeln“, die sich wichtig machen. Da wird natürlich umbarmherzig eingegriffen!

Sie würden mitunter auch mit Ihren Schauspielern recht harsch umgehen, heißt es.

Manker: Ich glaube nicht, höchstens mit solchen, die meinen Ansprüchen nicht genügen. An und für sich bin ich höflich, ich bin ja selber Schauspieler und weiß, wie man behandelt werden möchte. Ich verlange von den Schauspielern auch nur das, was ich selber zu leisten gewillt bin. Auf einer normalen Bühne kann ein guter Schauspieler tricksen und trotzdem das Publikum verzaubern. Bei uns nicht. Bei meiner Art von Theater kann man alles – nur lügen darf man nicht! Man muss im Stande sein, sein zuckendes Herz den Zuschauern hinzuschmeißen. Dann wird es dir das Publikum danken.

Ihrem Image als Wüterich Sie auch im Privatbereich gerecht?

Manker: Ich gelte als „Enfant terrible“ – und das mit Ende fünfzig, das ist doch absurd! Irgendwann haben Ihre schwachsinnigen Kollegen dieses Klischee erfunden. Und seither bediene ich es eben. Es ist auch bequem, weil die Leute, wenn sie Angst haben, ein bisschen höflicher sind und einem nicht gleich auf den Kopf scheißen. Per se sind die Menschen ja unbotmäßig, also muss man „Wuff!“ machen – und dann kuschen sie und es ist eine Ruh‘.

Und was, wenn jemand zurückbeißt?

Manker: Wunderbar! Besonders bei Frauen hab‘ ich das sehr gern. Es ist ja so: Wenn du eine Frau wirklich anbetest und liebevoll behandelst, scheißt sie dir auf den Kopf! Wenn du die Frauen aber schlecht behandelst, kommen sie immer wieder angekrochen und wollen immer mehr.

Äußerst interessantes Beziehungskonzept!

Manker: (lacht) Ja, aber es funktioniert. Undank ist der Welten Lohn.

Apropos Undank: Wofür sind Sie denn dankbar?

Manker: Ich bin sogar sehr dankbar. Dankbar – und nachtragend. Ich kann mich über Jahrzehnte an etwas Negatives erinnern und warte geduldig, bis ich mich dafür rächen kann. Letztens zum Beispiel bei einem Musiklehrer aus meiner Mittelschulzeit, der nun Direktor an einer Schule ist. Ich gastierte dort im Rahmen eines Schulprojekts. Na, der hat ein Hallo und Gschistigschasti um mich gemacht. Aber ich habe den Schülern gesagt, dass sie ihm kein Wort glauben sollen, ihr Direktor sei ein widerlicher Ignorant. Er hat mir als mein Musiklehrer absolutes Untalent bescheinigt und er war schuld, dass ich damals von der Schule geflogen bin.

Aus welcher Schule sind Sie denn rausgeflogen?

Manker: Eigentlich aus allen. Ein schlechter Schüler sein und schlimm: das ist eine tödliche Kombination. Wenn du schlimm bist, musst du wenigstens ein guter Schüler sein. Oder wennst nix kannst, musst die Papp’n halten.

Waren Sie eigentlich je freundlicher, konzillianter?

Manker: Nein, nein. Ich war schon mit drei Jahren so, wie ich jetzt bin! Man muss ganz früh anfangen, damit niemand auf falsche Gedanken kommt!

Ihre Mutter hat mir erzählt, dass Sie mit fünf das Kinderzimmer in Brand gesetzt und das Kindermädchen ausgesperrt haben.

Manker: Sie berichtet auch, dass damals angeblich mein Berufswunsch Raubmörder war. Aber sie idealisiert mich natürlich!

Werden Sie mit dem Alter milder?

Manker: Keine Rede! Nur müder. Aber nicht milder. Was die Sache natürlich noch anstrengender macht. Aber man darf nicht nachlassen, weil sonst die Leute gleich sagen: ah, alt ist er g’worden! Das ist wie ein Fluch, der einen verfolgt – bis ins Grab!

Und weise?

Manker: Weise ist ja kein Widerspruch zu wild. Man wird toleranter, aber tolerant heißt nicht mild. Man belässt Dinge, an denen man früher tagelang herumgefeilt hätte. Das Schweigen, das geduldige Abwarten, ob der Schauspieler selber etwas anbietet, ist für einen Regisseur meistens kostbarer, als wenn er dauernd den Oberlehrer spielt. Das habe ich früh durch Zuschauen bei Altmeister Peter Zadek gelernt. Der hat oft wochenlang mit den Schauspielern nicht gesprochen.

Spielen Sie gern unter anderen Regisseuren?

Manker: Sicher.

Warum so selten?

Manker: Manches nimmt man halt aus persönlichen Gründen nicht an, ohne jetzt Namen nennen zu wollen. Aber es gibt ganz phantastische Regisseure, Martin Kusej beispielsweise. Ein Jammer, dass er nicht Burgtheaterdirektor werden möchte. Um den müsste man werben wie um eine schöne Frau. Da muss man kniefällig werden. Aber das können unsere Kulturpolitiker natürlich nicht. Dafür sind sie sich zu gut.

Wann werden denn Sie kniefällig?

Manker: Ich habe leider ein chronisches Gelenksleiden in den Knien. Die Knie wollen sich einfach nicht beugen – psychisch vielleicht schon, aber physisch nicht.

Würden Sie gern Burgtheaterdirektor sein?

Manker: Nein! Jetzt nicht mehr. Zu viel Arbeit.

Sie haben mir einmal in einem Interview gesagt, Ihr nächstes Projekt sei der Ruhestand. Schaut aber nicht so aus?

Manker: Als Schauspieler fällst du eines Tages um und bist tot. Dann ist der Ruhestand eingetreten.



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